Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 58
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Die vorklassische Ausbildung

In archaischer Zeit200, für die eine Amphora aus Caere im Louvre (S. 104 I b 8)
mehrere charakteristische Beispiele liefert, kommt es auf das erzählende Moment
in dieser Gruppe an201. Es soll deutlich werden: einer ist der Sieger, ein anderer
unterliegt. So werden die beiden Figuren der Gruppe in klarem Nebeneinander
angeordnet. Überschneidungen werden nicht vermieden, noch weniger aber ge-
sucht. Eine unerschöpfliche Phantasie läßt immer neue Varianten entstehen. Der
Überwältigte wendet dem Sieger die Vorderseite oder den Rücken zu, sieht
geradeaus, oder dreht sich nach ihm um. Es fehlen in die Tiefe führende Bezüge,
da „die archaische Kunst in der Erregung einer Tiefenwirkung keine Aufgabe
sieht"202. Erst in spätarchaischer Zeit taucht das Problem der Verkürzung des
am Boden befindlichen Unterschenkels beim Unterlegenen auf. Zunächst wird er
einfach durch den Oberschenkel verdeckt, hinter dem nur der Fuß herauskommt,
wie bei der Kassandra oder dem von der Troerin bedrohten Griechen auf der
Vivenziovase in Neapel (S. 105 I b 24). Auf der frühklassischen Amphora des
Blenheimmalers in Boston (S. 105 I b 35) z. B. erscheint dann aber auch der Un-
terschenkel in starker Verkürzung hinter dem Oberschenkel.

Jetjt gewinnen besonders gelungene Ausbildungen, wie oben angedeutet, Ein-
fluß auf die Gestaltung des Motivs. Bielefeld (a. 0. 44 ff.) weist bereits einen
vorphidiasischen Typus nach, der aber noch nicht im klassischen Sinn ausge-
wogen ist.

Die klassische Hauptausbildung

Ihre klassische Form203 erhält die Gruppe im Kreise des Phidias. Das beste Bei-
spiel liefert die melische Gigantenamphora des Louvre (S. 107 II A b 47) in der
Hermesgruppe. Hatte zuvor die Entwicklung der Figuren in der Fläche etwas Sil-
houettenhaftes, so wird jetjt ihre Angleichung an den Bildgrund organisch, das
Bild ist nicht mehr zusammengesetzt, die Freiheit der Bewegung wird durch die
Flächenbindung nicht mehr gehindert. Mit der in spätarchaischer Zeit sich ent-
wickelnden Perspektive204 taucht die Schwierigkeit auf, daß die Verkürzung der
Linien eine Einbuße ihrer Größe bedeutet. Sie wird in klassischer Zeit dadurch
überwunden, daß man eine Körperansicht wählt, bei deren perspektivischer Dar-
stellung der geringste Verlust an wirklicher Körpergröße gewährleistet ist. Im
übrigen aber führt man die Perspektive der Körper konsequent durch, ohne die
anatomischen Gegebenheiten hintanzusetzen. Die Figuren der Überwältigungs-
gruppe werden in Vorderansicht parallel nebeneinander wiedergegeben, durch
eine Armlänge voneinander getrennt, so daß auch Überschneidungen nicht die
Deutlichkeit des Ganzen einschränken. Ihre nachhaltige Wirkung verdankt diese
Ausbildung aber nicht nur dem klaren flächengebundenen Aufbau, sondern der
geistigen und körperlichen Spannung zwischen den Figuren, die sich in der Ver-
strebung der Arme und Beine und dem nach außen gewölbten Kontur der Gruppe
ausdrückt.

Die Geschichte dieser Fassung, deren gleichbleibendes Merkmal das klare Ne-
beneinander der Figuren und der pultförmige Umriß der Gruppe ist, zeigt zwei
Seiten. Einmal führt sie zu einer raschen Erstarrung des Schemas, das noch we-

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