Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 63
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neten Mittellinie des Körpers größer als vom rechten Körperrand. In der glei-
chen zum Bildgrund schiefwinkligen Ebene, in der der Körper steht, ist das
rechte Bein und auch der rechte Arm nach vorne gestreckt. Das wird beim Arm
vor allem durch den Schatten deutlich, der auf der Oberseite besonders stark ist,
während die Unterseite im Licht liegt. Der in die Knie niedergezwungene Pen-
theus streckt seinen Arm mit der ausgebreiteten Hand der von links einfallenden
Sonne entgegen, zu der auch der pathetische Blick gewandt ist. Der linke Arm,
auf den der Kopf seinen Schatten wirft, geht nach hinten. Pentheus sucht ihn
dem Griff der Mainade rechts zu entwinden, die sich zurückbiegt, um ihn nach
vorne zu ziehen. Von diesem Kräftespiel ist in dem pompejanischen Gemälde
aber kaum noch etwas zu bemerken. Schräg von links hinten tritt an die frei im
Raum sich entwickelnde Figur des Pentheus seine Mutter Agaue heran, das rechte,
dem Beschauer nähere Bein hat sie weit ausschreitend dem Niedergebrochenen
aufs Kniegelenk des ausgestreckten linken Beines gestellt und packt ihn mit der
Linken am Haar, während der rechte Arm, chiastisch zurückgenommen, den
Thyrsos wie einen Knüppel schwingt. Der linke schräg von hinten herankom-
mende Arm der Agaue und der rechte nach vorn gestreckte des Pentheus bilden
beinahe einen rechten Winkel im Raum, so daß die rechte Hand des Pentheus
ein gutes Stück vor dem Leib der Mainade erscheint, wodurch die ganze Gruppe
einen starken räumlichen Ausdruck erhält. Das ist ganz und gar unklassisch und
setjt eine Fassung wie die Dorisgruppe bereits voraus. Vollends unklassisch ist
die Gestalt der Agaue selbst. Interessant wird sie durch das Motiv des vorgesetz-
ten vorderen Beines.

Auch diesem Motiv hat Matz229 eine Untersuchung gewidmet, allerdings nur
im Zusammenhang eines bestimmten Mainadentypus, dessen wesentliche Merk-
male „Vorsehen des Beines der äußeren Körperseite und Drehen des übrigen
Körpers mit Einschluß des Kopfes gegen die durch das vorgesetzte Bein gegebene
Bewegungsrichtung" sind. Obwohl nun gerade die Rückwendung des Kopfes bei
der Agaue des Pentheusbildes durch den Bildzusammenhang ausgeschlossen ist,
vertritt sie einen Typus, der dem von Matj untersuchten vergleichbar ist. Wir
können uns also auf die Ergebnisse von Matz beziehen. Es erscheint besonders
aufschlußreich, daß das Motiv des übergesetzten vorderen Beines in die Über-
wältigungsgruppe bei einer Mainade eingeführt wird.

Auf den ersten Blick scheint die Mainade eine klassische Form zu vertreten.
Die Achsenverschiebung ist nicht so ausgeprägt wie etwa beim rechten Trabanten
der Teuthrasgruppe23" vom Telephosfries. Aber es gibt auch eine hellenistische
Ausbildung dieses Mainadentypus, bei der die Leistung der Körpertorsion, „Her-
stellung einer allseitig runden Form und deren Ablösung vom Grund", durch
das Gewand zustandegebracht wird231. Dort ist es ein gebauschter Mantel, hier
der Chiton, der mit seinen Faltenzügen den Körper wie eine Spirale von unten
nach oben umläuft, und zwar in entgegengesetzter Richtung, wie die der Körper-
drehung, die durch die Beine angedeutet ist. Von der rechten Fußspitze ausgehend
und durch das rechte Bein hinter der Figur herum zur linken Schulter verlaufend,
und entsprechend von der linken Fußspitze ausgehend durch das linke Bein ver-
laufend — sichtbar vor allem am Rande des linken Oberschenkels —, von den
Falten in der Gürtelgegend vor der Figur zur Rückenlinie links und zur Schulter

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