Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 65
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Mainade verlaufend, die andere durch das vorgestreckte Bein des Pentheus be-
zeichnet. Entsprechend lassen sich die Köpfe durch räumliche Diagonalen ver-
binden, vom Pentheus zur Lyssa links, von der Agaue zur Lyssa rechts, und diese
kreuzend die beiden steileren Nebendiagonalen von der rechten Mainade zur
rechten Lyssa und vom Pentheus zu hinteren Mainade. Diese schleudert einen
Stein aus der Tiefe des Bildgrundes nach vorne — in dieser Weise ein ganz un-
klassisches Motiv. Hinten ist die „hellenistische Flachbühne" durch eine Fels-
kulisse abgeschlossen. Wir haben es also in dem Pentheusbild der Casa dei Vettii
mit einem in seiner Gesamtheit aus dem jüngeren Hellenismus stammenden
Kunstwerk zu tun, als dessen Ursprungsort schon Rodenwaldt240 wegen der Ver-
wandtschaft des Pentheus zum Alkyoneus des großen Altares Pergamon ansah.
Gleichwohl kann auch diesem Bild wiederum eine klassische Schöpfung zugrunde-
liegen. Mindestens wird diese Annahme durch das Grundschema der Pentheus-
gruppe nahegelegt. Wir konnten aber verfolgen, wie sich dieses in mehreren
Stufen entwickelte, ohne in seinen Grundzügen verändert zu werden. Innerhalb
dieser Reihe vertritt die Pentheusgruppe die Stufe des jüngeren Hellenismus.

Das Vorbild der Gruppe auf den Sarkophagen

In der Pentheusgruppe, die auf ein pergamenisches Gemälde des jüngeren
Hellenismus zurückgeht, haben wir, was die Behandlung des Raumes angeht, die
unmittelbare Vorstufe zur Gruppe der Sarkophage gefunden. Diese ist räumlich
noch komplizierter, weil sie die zum Bildgrund schiefwinkligen Horizontalachsen
der beiden Figuren nicht parallel verlaufen, sondern einen stumpfen Winkel bil-
den läßt. Außerdem ist die Bewegung der angreifenden Figur, die im Pentheus-
bild der Mainade entsprechend eine wirbelnde ist, in der Sarkophaggruppe eine
klare Ausfallstellung, in der das Motiv besonders eigentümlich wirkt. Dies be-
gegnet bei von vorne gesehenen Figuren auf dem Telephosfries beim Teuthras241
und ausgeprägt auf dem Magnesiafries242. Im Gigantenfries von Pergamon fehlt
es. Es ist im Grunde ein malerischer Gedanke, besonders in der Art, wie es auf
den Sarkophagen erscheint, wo das zurückgestellte Bein nach hinten im Grunde
verschwindet.

Diese Gruppe scheint also ebenfalls aus einem jüngerhellenistischen Gemälde
zu stammen, dessen Entstehungsort nach dem Galliertypus Pergamon ist. Auch
das Pentheusgemälde ist pergamenischen Ursprungs und geht zeitlich dem Gal-
liergemälde kurz vorauf. Zwischen beiden besteht vielleicht eine engere Be-
ziehung: Das Motiv des vorgesetzten vorderen Beines kommt im Zusammenhang
der Überwältigungsgruppe zum ersten Mal bei einer Mainade vor. Vielleicht kam
es bei der Pentheusdarstellung mit dem Mainadentypus, zu dem es ursprüng-
lich gehört, in die Überwältigungsgruppe. Von dort könnte es zur Ausfallstellung
der Galliergruppe weitergebildet worden sein.

DER TUBICEN

Der letzte Typus, den mehrere Sarkophage gemeinsam haben, ist ein Trom-
peter in Ausfallstellung nach rechts, der den Kopf nach der entgegengesetzten

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