Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 70
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Ist der Reiter am Nikefries hier original oder ist er nicht vielmehr aus einem
anderen Zusammenhang übernommen worden? Auch der vom zusammenbrechen-
den Pferd Abspringende auf Block l252, die Helfergruppe auf Block k253 und die
Überwältigungsgruppe254 in mehreren Fassungen sind wiederverwendete Motive.
Außerdem hat das Pferd des behandelten Reiters den Kopf aus der Reliefebene
gegen den Beschauer herausgewandt. Auch glaubt man in seinem Körper An-
zeichen leichter Verkürzung zu bemerken. Wenn diese „malerischen Ausdrucks-
mittel" einzig und allein hier auf einem klassischen Relief und überdies im Zu-
sammenhang mit einem so ausgefallenen Motiv auftauchen, das wegen seiner
Momentaneität mit der Tektonik der übrigen Gestalten nicht übereinstimmt, so
ist der Verdacht nicht unbegründet, das Motiv sei aus einem anderen Zusammen-
hang übernommen. Es kann sich dabei nur um ein gemaltes Vorbild handeln.

Gestütjt wird diese Annahme durch die beiden Wiedergaben des Motivs auf
den kaiserzeitlichen Sarkophagen, die nicht auf den Nikefries direkt zurückgehen
können. Eine weitere Sicherung erfährt die Annahme eines gemeinsamen Arche-
typus, und zwar eines Gemäldes in Athen, was die beiden attischen Wieder-
holungen nahelegen, durch den Gruppenzusammenhang, in dem sich der Reiter
befindet.

Auf dem Nikefries tritt dem Reiter ein Kämpfer in Ausfallstellung entgegen.
Wie die Bildung der Achselhöhle lehrt, holte er mit der Waffe überm Kopf aus.

Auf den beiden Sarkophagen erscheint ein ebensolcher Krieger, allerdings
hinter dem Pferd mit dem Stürzenden auf gleicher Höhe. Er hat auf dem Ama-
zonensarkophag in Saloniki die Amazone vom Pferd geschlagen. Auf dem
Schlachtsarkophag in Rom hat er eine Metamorphose durchgemacht. Durch seine
Nacktheit, durch das Mäntelchen, die wirren Haare und das Krummschwert ist
er als Barbar gekennzeichnet. Er richtet seinen Schlag auch nicht gegen den vom
Pferde stürzenden Kampfgenossen, sondern gegen den in der Mitte des Bildes
reitenden Feldherrn. Doch ist dies mehr aus seinem barbarischen Äußeren zu
erschließen als aus seiner Haltung255. Dies ist nur so zu erklären, daß der Sarko-
phagarbeiter das Gruppenschema mit dem das Schwert schwingenden Kämpfer
hinter dem vom Pferd Geschleiften vorfand und seinem Zweck entsprechend um-
formte. Wegen der grundsätzlichen Übereinstimmung mit der auf dem Ama-
zonensarkophag wiedergegebenen Gruppe ist anzunehmen, daß diese Anord-
nung bereits dem gemeisamen Urbild eigen war, das der Amazonensarkophag
am treusten wiedergibt. Demgegenüber ist auch die Fassung des Nikefrieses als
Umbildung anzusehen und als solche erst völlig verständlich. Der Meister des
Nikefrieses, der im Relief die in der Malerei häufige Überschneidung der Leiber
scheute, baute die Gruppe friesmäßig auf, indem er aus dem Hintereinander ein
Nebeneinander machte. Der Kämpfer, der den Stürzenden angreift, ist kein an-
derer als der Grieche auf dem Amazonensarkophag und der inhaltlich umgewan-
delte Barbar auf L. Nur ist besonders auf dem Amazonensarkophag die Dar-
stellung sinnvoller. Denn als der Meister des Nikefrieses die Figuren ausein-
anderzog, trennte er den vom Pferde Fallenden so weit von dem, der ihn hinab-
stößt, daß der Zusammenhang nicht mehr ganz verständlich ist. Warum fällt
der Reiter vom Pferd, wenn der Angreifer noch gar nicht nahe genug ist, um
ihn zu erreichen?

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