Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 72
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Louvre261 und der sifjende Verwundete in Neapel2"2, bei deren Betrachtung Scho-
ber263 bereits auf „das Nebeneinander von räumlichen und ganz flächigen Kom-
positionen im attalischen Weihgeschenk" hinwies. Zu den flächigen gehört der
Stürzende in Venedig. Der Oberkörper ist scharf zur Seite gedreht und bildet
mit dem rechten Arm, dem im Profil erscheinenden Kopf, dem linken Arm und
linken Bein eine Ebene, aus der das rechte Bein unmotiviert hervorstößt. Auch
die Falte unter dem rechten Rippenbogen weist darauf hin, daß das rechte Bein
in die gleiche Richtung führte wie das linke. Andernfalls wäre die Spannung, aus
der die Falte unter den Rippen entsteht, nicht zu erklären. Die Ergänzung des
rechten Beines an der Figur in Venedig ist also falsch.

Wenn man sich nun die Figur ohne die Ergänzung des rechten Beines ein-
schließlich der Hüfte denkt, so fällt die Übereinstimmung des übrigen mit dem
rückwärts über die Kruppe seines Pferdes herabgleitenden Gallier vom Sarko-
phag L. ins Auge. Nur die Wendung des Kopfes ist bei dem Barbaren des Sar-
kophages anders. Eine Ergänzung des rechten Beines des venezianischen Galliers
nach dem Gallier vom Sarkophag L. würde das Motiv des Fallenden sinnvoll
erscheinen lassen. Sein Pferd, von dem nichts mehr erhalten ist, war hinten
zusammengebrochen264, wobei der Reiter über die Kruppe nach hinten fiel. Das
linke Bein war zuerst an der Flanke des Pferdes herabgeglitten und berührt den
Boden, das rechte Bein ist so zu ergänzen, daß der Oberschenkel senkrecht nach
oben führt und der Unterschenkel noch auf dem Rücken des Pferdes liegt. Es ist
dies die einzige Ergänzung, für die wir Anhaltspunkte haben. Denn für das Mo-
tiv, in dem jetjt die Figur erscheint, gibt es keine Parallelen unter den Schlacht-
denkmälern dieser Zeit. Bekannt ist ein ähnliches offenbar nur aus spätarchaischer
Zeit, worauf v. Bienkowski265 schon hinweist. Wenn wir heute vor dem Problem
stünden, das Fragment des venezianischen Galliers zu ergänzen, würden wir nach
Repliken suchen, und die einzige, die wir fänden, wäre der Gallier vom Sarko-
phag L Würden wir nach ihm die Figur in Venedig ergänzen, so hätten wir
größere Wahrscheinlichkeit für uns als der erste Ergänzer. Ein zwingender Be-
weis läßt sich freilich nicht führen.

Diese Ergänzung soll aber nicht bedeuten, daß der Stürzende von L. auf das
attalische Weihgeschenk zurückgeht. Das Motiv ist für die Erfindung in Freipla-
stik zu transitorisch. Wenn ein Analogieschluß gestattet ist, möchte man anneh-
men, auch dieses Motiv stamme wie das des bärtigen Galliers in Venedig aus
einem pergamenischen Gemälde; einmal sei es als Freiplastik im attalischen
Weihgeschenk, zum anderen als Relief auf L. wiederholt worden. So ließen sich
auch die Verschiedenheiten der beiden Wiederholungen erklären.

Der Feldherr

Der dritte Typus auf L., der sich über die Typen, die auch aui den drei anderen
Sarkophagen vorkommen, hinaus zu behandeln lohnt266, ist der in der Mitte der
Schlacht reitende Feldherr. Er begegnet auf elf römischen Sarkophagen267 und
dürfte auch in der Lücke des großen Sarkophages in Pisa268 dargestellt gewesen
sein. Er sprengt im gestreckten Galopp nach rechts. Die rechte Schulter hat er
zurückgenommen, so daß seine Brust in ganzer Breite parallel zur Grundfläche

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