Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 13
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zurückkommen werden13. Hier ist die Erforschung allerdings von vorneherein
dadurch sehr erschwert, daß das Grab fast völlig zerstört ist und im wesentlichen
nach Zeichnungen und Stichen des 17. Jhs. beurteilt werden muß. Aber selbst wenn
man diesen Glauben schenkt und das Grab zu rekonstruieren versucht hat, erweist
sich, daß dem Zyklus der Bilder, von denen sich mehrere nicht einmal einwandfrei
deuten lassen, nicht ein so unmißverständliches ikonographisches Programm
zugrunde liegt wie dem Sarkophag von Velletri.

Unsere erste Aufgabe ist daher, das ikonographische Programm des Sarkophags
von Velletri möglichst prägnant zu erfassen, um eine feste Grundlage zu finden für
die Beurteilung der Vorstellungswelt, aus der die römische Grabkunst schöpfte.

A. Der Sarkophag

Der Sarkophag von Velletri (Taf. 1-29) wurde gefunden im Juli 1955 in der
Contrada Arcione an einer Seitenstraße der Via Ariana, die an der Südseite der Alba-
ner Berge entlang läuft, etwa 6 km von Velletri entfernt. Der Sarkophag fand sich
verschleppt und von Grabräubern erbrochen in einem Weinberg. Kein äußeres
Indiz für eine nähere Bestimmung des Fundes ließ sich ausmachen. Der Sarkophag
enthielt neun Skelette, und zwar von sieben Erwachsenen und zwei Kindern. Ein
in dem Sarkophagkasten gefundenes Instrument zeigt, daß der Sarkophag erst im
Lauf des vergangenen Jahrhunderts erbrochen wurde.

1. Die architektonische Gliederung

Der Sarkophag besteht nach dem Urteil des Geologen G. de Angelis d'Ossat11
aus parischem Marmor. Er besitzt Hausform und ist aus drei Teilen zusammengesetzt,
einer Basisplatte, dem Kasten und dem Deckel in Form eines flachen Satteldachs.
Die Basisplatte besteht aus drei Gliedern, einer niedrigen Platte, einem mit Flecht-
band verzierten Wulst und einem aufsteigenden, mit Zungenblättern geschmückten
Kymation, das heißt, einem umgekehrten Simaprofil. Der Kasten ruht auf einem
Wulst mit schuppenartig angeordneten Blättern.

Das architektonische Dekorationssystem des Kastens schafft Felder für die mehr
oder weniger in sich abgeschlossenen bildlichen Szenen und soll daher zunächst kurz
beschrieben werden. Es ist eine Fassadenarchitektur, die sich in drei Zonen ent-
wickelt.

Die unterste Zone ist gegen die oberen durch ein umlaufendes Gesims getrennt,
das an den vier Ecken von Stierprotomen und im übrigen in regelmäßigen Ab-
schnitten von ins Knie gesunkenen Atlanten getragen wird. Auf der einen Langseite

13 S. u. 88ff.

14 G. de Angelis d'Ossat bei: Bartoccini, RIA. 7, 1958, 130. Masse: L. 2,57 m; |
Br. 1,245 m; H. 1,45 m.
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