Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 15
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Gesichtspunkten betrachtet eine Überraschung dar, er ist, wie Bartoccini mit Recht
bemerkt17, ein Unikum. Man könnte ihn als Säulensarkophag bezeichnen, aber mit
den gewöhnlich so genannten Sarkophagen18 hat er wenig gemein. Wir werden
weiter unten19 noch auf die Bedeutung des architektonischen Dekorationsschemas
eingehen. Hier sei schon soviel gesagt, daß wir es jedenfalls nicht mit einem festen
Dekorationstypus zu tun haben, sondern mit einer Sonderform, die offenbar ebenso
wie das noch zu erläuternde sepulkralallegorische Programm unter Anlehnung an
vorgegebene Dekorationsformen einem schematisierenden, konstruierenden Geist
entsprungen ist. Bartoccini hat die Entwicklung einzelner Elemente der Fassaden-
gestaltung verfolgt20, ein klarer Konnex zu einer bestimmten geprägten Form ließ
sich nicht erweisen.

2. Datierung

Von besonderer Bedeutung wird hier die Frage der Datierung des Sarkophags.
' Bartoccini21 kommt, obwohl er eine Reihe von Vergleichsbeispielen hadrianischer
' oder frühantoninischer Zeit22 aufführt, zu dem Schluß, der Sarkophag müsse in
spätantoninischer Zeit, am ehesten wohl zwischen 190 und 193 n. Chr. gearbeitet
' sein, was er vor allem mit der neuen Bedeutung der Herkulesgestalt unter Kaiser
Commodus zu erhärten versucht. Aber Herakleszyklen gab es im sepulkralen
Bereich auch vor Commodus23. Bei dem Fehlen aller äußeren Indizien, vornehmlich
einer Inschrift, kann nur jdie stilistische Analyse zu einer begründeten Datierung
führen. Dabei kommen wir allerdings zu einem anderen Ergebnis.

Zunächst muß man feststellen, daß die künstlerische Qualität des Sarkophags
gering ist, wenngleich stellenweise eine gewisse Virtuosität der Marmorbehandlung
nicht fehlt, etwa bei den Unterschneidungen mancher Figuren oder den frei heraus-
gearbeiteten Putten mit der Girlande auf dem Dach.

Außerdem ist die Oberfläche des Marmors stark korrodiert. Da gerade an den

17 Bartoccini a. O. 196.

18 R. Delbrueck, Jdl. 28, 1913, 277ff.; AD. III (1912/3) Taf. 22-24. G. Rodenwaldt,
RM. 38/39, 1923/24, 13 ff. C. R. Morey, Sardis V 1 (1924). M. Lawrence, AJA. 32, 1928,
421 ff.; ArtBull. 14, 1932, 160ff. H. v. Schoenebeck, RACrist. 14, 1937, 293ff. Lawrence,
MemAmAcRome. 20, 1951, 119ff. Vgl. jetzt auch die ungedruckte Marburger Diss.
von H. Wiegartz, Die kleinas. Säulensarkophage (1962).

19 S. u. 75ff.

20 Bartoccini a. O. 183 ff.

21 Ebd. 196 ff.

22 Karyatidenrelief Neapel, Nat. Mus.: Bartoccini a. O. 143 Abb. 16. Phaidrosbema:
ebd. 147 Abb. 24. Unterweltssarkophag aus Ephesos: ebd. 184 Abb. 59. Kanopus der
Villa Hadriana: ebd. 194f. Abb. 69.

23 z. B. Grab aus Tyrus in Beirut, Mus.: J. Fink, MdL 6, 1953, 65 Anm. 41 Taf. 24.
Stuckfries in einem Grab der Isola sacra von Ostia: G. Calza, La necropoli del Porto di
Roma nell'Isola sacra (1940) 109 Abb. 43. Heraklessarkophag in Rom, Casino Borghese:
Robert, SR. III 1 (1897) Nr. 127 Taf. 38. Vgl. u. Anm. 235.
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