Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 16
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0022
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Ecken die Frauengestalten ganz dünn geworden sind, scheint diese Korrosion vor
allem durch Auswehen entstanden zu sein. Der Sarkophag ist, wie schon bemerkt,
in einem Weinberg gefunden worden, wohin er von seinem ursprünglichen Auf-
stellungsort verschleppt worden war. Wie er aufgestellt war, läßt sich nicht mehr
entscheiden. Ob er, woran man wegen der starken Auswehung denken könnte, im
Freien etwa unter einem Baldachin aufgestellt war, oder ob die Oberfläche erst nach
der Verschleppung so stark korrodiert ist, ist nicht mehr zu erweisen.

_Für die Stilanalyse können nur diejenigen Teile des architektonischen und figür-
lichen Schmucks dienen, die noch einigermaßen erhalten sind, vor allem also die
\ Szenen des unteren Streifens (Taf. 24ff.), die Mittelszene (Taf. 13) und die Palmetten-
| dekoration der rechten Schmalseite (Taf. 2) sowie das Gebälk an der linken Giebel-
| ecke der rechten Schmalseite (Taf. 2).

Der Figurentypus ist gedrungen und kompakt, im niedrigeren unteren Streifen
besonders untersetzt, mit plumpen Gliedmaßen, geschwollenen Muskeln und dicken
Köpfen. Die Steinbearbeitung ist steif, fast geschnitzt. Nur infolge der Oberflächen-
korrosion wirkt sie Verblasen. Faßt man einigermaßen gut erhaltene Figuren wie
die der Opferszene (Taf. 29, 1) ins Auge, so bemerkt man die Stumpfheit und Härte
des Stils. Auch die Faltenwiedergabe ist unlebendig und trocken. Unverkennbar ist
zugleich jedoch, wie klassizistisch das Werk in seinem Gesamtcharakter ist. Die
i Motive der Figuren sind durchweg konventionell und verraten keinerlei Erfindungs-
geist, noch einen Drang zur Variation. Wie die Replik des Herakleszyklus im Lateran24
zeigt, sind offenbar vorgegebene Typen ohne wesentliche Veränderung übernommen
und in das Dekorationssystem eingepaßt worden, wobei es weniger auf künstlerische
Aussagekraft als auf Deutlichkeit ankam. Die gesamte Darstellung entbehrt jeder
Expressivität. Die Gesichter der einzelnen Figuren sind glatt und beruhigt, ihre
Bewegungen haben nichts Ausfahrendes, und selbst da, wo eine heftige Bewegung
vom Thema her gefordert ist, wie bei manchen Heraklestaten (Taf. 12 ff.) oder dem
Raub der Proserpina (Taf. 24 ff.), ist sie auf dem Sarkophag von Velletri vergleichs-
weise lahm, die Figuren wirken wie gestellt.

Seit Rodenwaldts auf einer Erkenntnis Sievekings aufbauenden Akademie-
\ abhandlung „Über den Stilwandel in der antoninischen Kunst" (1935) glauben wir,
! den grundsätzlich verschiedenen Stil der hadrianisch-frühantoninischen Kunst auf
der einen und der spätantoninischen auf der anderen Seite unmißverständlich unter-
scheiden zu können, und wir sehen schon jetzt, daß der Velletrisarkophag auf Grund
| der herausgearbeiteten Stileigentümlichkeiten in die Zeit vor dem Stilwandel datiert
■ werden muß. Es fehlen ihm alle für die spätantoninische Kunst25 charakteristischen
Merkmale, die Überlängung der Figuren, das aufgeregte nervöse Bewegungsspiel,

24 Benndorf-Schöne 402. EA. 2188. J. J. Bachofen, Ges. Werke ed. K. Meuli VII
(1956) 217f. 465f. Taf. H. Photo Vat. Mus. VIII 3117; s. u. 50f. Taf. 39. Zu vergleichen ist
auch das Omphale-Herkules-Relief in Neapel Inv. Nr. 6683, Guida Ruesch 171 Nr. 595
B. Schweitzer, JdJ. 46, 1931, 235 Abb. 21. Gorce-Mortier, Hist. gen. des religions II
(1948) 240 Abb. (Nilsson). Bartoccini a. o. 154 Anm. 27. S. u. 51 Taf. 38.

25 Rodenwaldt, AbhBerl. 1935, 3.
loading ...