Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 17
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die Gewaltsamkeit, mit der die Figuren zusammengedrängt werden, und überhaupt
jede Tiefenwirkung26, die durch eine dichte Füllung des Reliefgrundes mit neben-
und hintereinandergestaffelten Figuren zuwege gebracht wird; schließlich, was die
Machart angeht, die reichliche Verwendung des Bohrers bei Haaren und Gewändern,
welche durch die wiederauflebende Freude am Spiel von Licht und Schatten bedingt
ist und zu einem der Zeit, in die Bartoccini den Velletrisarkophag setzen möchte,
eigentümlichen „Flimmerstil"27 führt. Eine Reihe von Einzelvergleichen möge das
deutlicher machen.

Die eigentümlich gedrungenen Proportionen der hölzernen Figuren finden wir
auf den beiden aus Rom stammenden Reliefs mit der Darstellung eines Tuchladens
in Florenz28, die meines Erachtens nur von R. West29 richtig datiert worden sind,
l und zwar in trajanische Zeit. Vergleicht man die Köpfe etwa mit dem Kopf des
Mannes an der Tür der rechten Nebenseite (Taf. 13) des Velletrisarkophags, so fällt
die stilistische Nähe auf. Es sind die gleichen runden, pausbäckigen Köpfe mit
gerader tief heruntergezogener Nase, in klassizistischer Weise eingeschnittenen
Augen und kleinem, weich eingebettetem Mund. Der hölzerne Stand der Figuren
ist bei beiden Denkmälern ähnlich, und auch der Gewandstil ist verwandt. Man ver-
gleiche etwa den Camillus, der die Tabula trägt (Taf. 29, 1), mit dem Verkäufer
auf dem Relief M 141. Beidemal sind die geschürzte Tunika mit halblangen Ärmeln
und die bis über die Knöchel reichenden Schuhe in ähnlich trockener Form gestal-
tet. Es kann nicht sein, daß diese beiden Werke durch mehr als ein halbes Jahr-
hundert voneinander getrennt wären. Zwischen ihnen lag nicht ein derartig ein-
schneidender künstlerischer Umbruch wie der Stilwandel spätantoninischer Zeit.

Wir lernen aber noch etwas anderes aus diesem Vergleich. Der Sarkophag von
Velletri scheint handwerklich in der Tradition solcher Reliefskulpturen zu stehen,
die Technau30 treffend als „beste Volkskunst" bezeichnet hat. Jedenfalls verbindet
ihn in handwerklicher Hinsicht wesentlich mehr mit derartigen Reliefs als mit den
frühen Girlanden- oder mythologischen Sarkophagen31, die gleichwohl im Zeitstil
nicht fernstehen32.

. 26 J. Sieveking in: Festschr. P. Arndt (1925) 33.
■ 27 Matz, Ein röm. Meisterwerk (1958) 158.

28 G. Mansuelli, Gall. d. Uffizi, Le sculture I (1958) 167 f. Nr. 141. 142.

29 R. West, Röm. Porträtplastik II (1943) 89 Taf. 25.

30 W. Technau, Die Kunst der Römer (1940) 138.

31 J. Toynbee, The Hadrianic School (1934) 164ff. Taf. 37ff. Lehmann-Hartleben-
Olsen, Dionysiac Sarcophagi in Baltimore (1942) Abb. 19 ff. Matz a. O. 47 ff.

32 In der Machart enger verwandt ist nur der in späthadrianische Zeit zu datierende
Sarkophag mit Peleus und Thetis in Rom, Villa Albani: Robert, SR. II (1890) 2ff. III 3
(1919) 545. E. Simon, RM. 60/61, 1953/54, 211 ff., der, wie Bendinelli, RM. 64,1957, 92ff.
gezeigt hat, einer der frühesten mythologischen Sarkophage ist, entstanden zu einer Zeit,
als ein fester Typus von Sarkophagen noch nicht geprägt war. Über die Verwandtschaft
des Sarkophags von Velletri zu Arbeiten von Werkstätten, aus denen wir sonst keine
Sarkophage kennen, vgl. u. 50f. 163f. zu Taf. 38. 39.
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