Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 21
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stilistische Nähe zum Velletrisarkophag spürbar. Aber bleiben wir bei den Blättern
der Bäume. Auch die nach ihrer botanischen Art ausgezackten Blätter der Jagd-
tondi56 haben die geschichtete, feste Form, die in entschiedenem Gegensatz steht
zu den Blättern von Bäumen auf spätantoninischen Reliefs, zum Beispiel dem Marc-
Aurel-Relief des Konservatorenpalastes57, die schwammartig aufgebohrt sind.

Einen weiteren Anhaltspunkt zur Datierung des Velletrisarkophages bietet ein
Vergleich mit der Porträtplastik des 2. Jhs. Hier findet man vergleichbare Gesichts-
typen nur in hadrianischer und frühantoninischer Zeit58. Große stilistische Ähnlich-
keit mit Sabina, etwa dem am Kapitol gefundenen Kopf des Thermenmuseums
72759, zeigt das Gesicht der Tellus (Taf. 25, 2) aus dem Proserpinaraubstreifen. Die
Atlanten (Taf. 24 ff.), Herkules (Taf. 8) und Admet (Taf. 8 f.) lassen sich mit den frü-
hen Porträts des Antoninus Pius60 vergleichen. Auch die von G. Daltrop61 gesam-
melten hadrianischen Privatporträts sind heranzuziehen. Ein Vergleich mit der Bild-
nisplastik spätantoninischer Zeit62 macht hingegen sogleich wieder den ganzen
Unterschied der Kunst nach dem Stilwandel deutlich. Greift man einmal denjenigen
Atlantenkopf des Sarkophags heraus, bei dem der Bohrer am stärksten verwendet
wurde — es ist der zum Glück wohlerhaltene rechts neben der Tellus des Proserpina-
raubstreifens (Taf. 25, 2) —, und vergleicht ihn in stilistischer Hinsicht mit den von
Wegner63 zusammengestellten Köpfen des Marc Aurel auf den ins Jahr 176 datierten
Reliefs im Konservatorenpalast64, dann erkennt man, daß der Atlant noch ein
klassizistisches Werk der Zeit vor dem Stilwandel ist, bei dem die plastische Form
durch die Bohrgänge nicht aufgelöst, sondern nur gegliedert wird, während, wie
Wegner es ausdrückt, bei den Köpfen der Triumphbogenreliefs „die plastischen
Einzelformen in einem unruhigen malerischen Helldunkel untergegangen sind"65.
Ganz besonders deutlich wird das bei der Betrachtung der berühmten Commodus-
büste im Konservatorenpalast66, die auch Bartoccini, allerdings in ganz anderem Sinn,
zum Vergleich heranzieht67. Der spätantoninische Stil erreicht hier seinen Höhepunkt
und seine Vollendung; dem Klassizismus des Velletrisarkophages ist er diametral

56 L'Orange a. O. Taf. 41a. 42a. Giuliano a. O. 14. 16.

57 Gusman a. O. Taf. 129. Cagiano de Azevedo, RM. 60/61, 1953/54, 207ff. Kahler
a. O. Taf. 216.

58 Wegner, Hadrian (1956); Die Herrscherbildnisse in antoninischer Zeit (1939).
R. West, Römische Porträtplastik II (1941) 101 ff.

50 Wegner, Hadrian Taf. 45.

60 Wegner, Die Herrscherbildnisse antoninischer Zeit Taf. lff.

61 G. Daltrop, Die stadtrömischen männlichen Privatbildnisse trajanischer u. hadriani-
scher Zeit (1958).

62 Wegner, Die Herrscherbildnisse in antoninischer Zeit Taf. 16 ff.

63 Ebd. Taf. 28.

64 Wegner, AA. 1938, 156 ff. P. Hamberg, Studies in Roman Imperial Art (1945)
94 ff. Cagiano de Azevedo a. O. 207 ff. L. Budde, Severisches Relief im Palazzo Sacchetti
(1955) 17ff. 30ff. Kähler a. O. 315f Taf. 215.

65 Wegner, Die Herrscherbildnisse in antoninischer Zeit 44.
68 Ebd. Taf. 53; vgl. o. Anm. 36.

67 Bartoccini a. O. 201 f. Abb. 71.
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