Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

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teten Denkmals zu gelangen, da es allein als Kunstwerk betrachtet intensive Bemü-
hung kaum rechtfertigt.

B. Der Bildschmuck

Die erste Frage ist die nach der Hauptansichtsseite des auf allen vier Seiten
verzierten Sarkophags. Bartoccini108 sah die rechte Schmalseite als solche an. Klau-
ser109 hat ihn unter Hinweis auf die thronenden Götter der einen Langseite wider-
legt und aus inhaltlichen Gründen gefordert, diese Seite als die Schauseite des Sar-
kophages anzusehen. Das ergibt sich schon aus der Dekoration, die auf dieser Seite
reicher ist, weil hier das Gebälk auch an den Enden von Karyatiden und nicht wie
auf den übrigen Seiten von gedrehten Säulen getragen wird und weil auf den
Giebelschrägen Tierkampfgruppen beziehungsweise Sphingen lagern, die auf der
anderen Langseite fehlen.

1. Das thronende Paar der Totenherrscher

Im Mittelfeld der Hauptseite (Taf. 5) erscheint ein thronendes Paar, das wegen
des dreiköpfigen Kerberus neben dem Thron der männlichen Gestalt leicht zu benen-
nen ist: Pluto und Proserpina. Als Herrscher der Unterwelt tragen sie.Szepter in den
Händen. Pluto hat den Oberkörper entblößt und nur einen Mantel um die Knie
j geschlungen und hintenherum über die Schulter geworfen. Proserpina trägt das
| lange Gewand und einen Mantel; ihr Haupt ist mit einem Diadem geschmückt.

In der römischen Grabkunst begegnen uns folgende Darstellungen von Pluto
und Proserpina, die wir, nach typologischen Gesichtspunkten gegliedert, aufführen.

A. Im Profil

a. Beide sitzend.

1. Istanbul, Ottoman. Mus., Unterweltssarkophag aus Ephesos110 (Taf. 30, 1).

350: „Die neuere Kunstgeschichte war lange der Meinung, daß die noetische Sinnschicht,
also die nicht unmittelbar gegebenen allegorischen oder symbolischen Bedeutungen zum
Verständnis der anschaulichen Bildgestalt entbehrlich oder gar belanglos wären. Dieser
Irrtum ist heute bei der Betrachtung von Werken der bildenden Kunst im Schwinden, er
verteidigt sich noch kräftig bei der Betrachtung von Architekturen. Das Pendel schlägt
jetzt nach der anderen Seite aus: man gibt mit Vorliebe Bedeutungsinterpretationen von
Bildern, ohne die anschauliche Gestalt für die Erfassung der konkreten Bedeutung heranzu-
ziehen. Dem abstrakten Formalismus in der Bildbetrachtung folgt eine abstrakte Ikono-
graphie und Ikonologie, die eine so gewaltsam und unfruchtbar wie die andere und beide
das Wesen des Kunstwerkes verfehlend."

i°A Bartoccini a. O. 133f. Abb. 4; 139. 172f. Abb. 56f.

^Klauser, JbAC. 3, 1960, 145.

110 J. Keil, ÖJh. 17, 1914, 143 Taf. 2. Curtius, MdL 4, 1951, 20ff. Taf. 9. M. Bieber..
ProcAmPhilosSoc. 103, 1959, 413 f.
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