Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 30
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Totenherrscher allein zutreffen könnte. Nur zwei Beispiele zeigen die Unterwelts-
herrscher so, wie wir sie auf den griechischen Denkmälern sehen, nämlich inmitten
der Unterwelt residierend ohne einen besonderen Bezug zu den Heroen and Heroi-
V^1 nen, die die Unterwelt bevölkern^) Nur auf diesen beiden römischen Bildern voll-
zieht sich vor ihnen das Leben des Jenseits, dem sie als Herrscher vorstehen: in dem
gewiß in unteritalischer Tradition stehenden Stuckrelief (A 6) tanzt die Verstorbene
im Kreis der Seligen vor ihnen, in dem Grabgemälde im Lateran (B 19) ziehen
Orpheus und Eurydike an dem Büßer Oknos vorbei ihren Weg zu dem vom Janitor
bewachten Tor des Orkus. Im Hintergrund erscheint das Herrscherpaar.

Die Tatsache, daß auf römischen Denkmälern meistens dargestellt wird, wie der

I Verstorbene vor die Totenherrscher hintritt, scheint eine besondere Betonung eines
auch in der griechischen Jenseitsvorstellung anklingenden Gedankens zu bedeuten,
zumal sie durch zwei Beobachtungen ergänzt werden muß. Erstens ist die Szene,

) zu der der Verstorbene immer geleitet wird, in drei Fällen (A 1. B 16. 20) durch die
drei Schicksalsgöttinnen erweitert. Zweitens fehlt in der ganzen römischen Grab-

] kunst eine Darstellung der aus der Literatur (auch der römischen) und von griechi-
schen Darstellungen her bekannten Totenrichter, des Minos, Rhadamanthys oder
Aiakos141.

Zunächst zum Totengeleit: wenn die Verstorbenen nur von dem gewisser-
i maßen dafür zuständigen Hermes Psychopompos geleitet würden, so wäre nichts
Besonderes darin zu sehen. Aber in vier Darstellungen sehen wir die Verstorbenen
auch von ganz anderen Personen geleitet. Im Vincentiusgrab (B 20) ist der geleiten-
den Frau der Name Alcestis beigeschrieben. Deshalb dürfen wir annehmen, daß
auch in dem Gemälde der dritten Nische links des Nasoniergrabs (A 2) Alkestis
gemeint ist, die gemeinsam mit dem Seelengeleiter Hermes die kleiner gebildete
Verstorbene vor die Unterweltsgötter führt.

In dem Stuckrelief in Ostia (A 9) ist Herkules durch die Inschrift als Gefeiter
■ der Laodamia bezeichnet142. Besteht unsere Deutung143 zu Recht, so ist die gleiche
Szene auch im Nasoniergrab dargestellt (A 10).

Die Beobachtung, daß die griechischen Totenrichter in der römischen Grab-
kunst nicht begegnen und daß die Verstorbenen vor das Totenherrscherpaar geleitet
werden, führt uns zu dem Schluß, daß die Herrscher der Unterwelt in der römischen
Jenseitsvorstellung, soweit sie eine Bildwerdung erfahren hat, das Amt der Toten-
f richter übernommen haben. Nur dann wird das Geleit durch Herkules und Alkestis,
die beide den Tod überwunden haben, verständlich. Sie treten hier gleichsam als

140 Ein schönes Beispiel bietet die Unterweltsvase in München, FR. I (1900) Taf. 10;
im übrigen vgl. Anm. 134f.

141 Rubi a. O. passim, bes. 33ff. In Lefkadia bei Naussa wurde kürzlich ein Grab des
3. Jhs. v. Chr. gefunden, in dem die inschriftlich bezeichneten Totenrichter Aiakos und
Rhadamanthys dargestellt sind: Ph. M. Petsas, Praktika 1954, 173ff. N. M. Kondoleon,
FA. 12, 1957 Nr. 3886. G. Daux, BCH. 85, 1961, 799f. S. Karusu, AM. 76, 1961, 98.

142 S.u. 41 ff.

143 S. u. 43. 121 f.
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