Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 34
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Petasus, Chlamys und Caduceus kenntlich, mit festem Griff am linken Unterarm
gepackt hält. Jener sucht sich mit der Linken zu befreien. Vor der Tür steht eine
langgewandete, mit einem Schleier verhüllte Frau. Ob der Schleier auch über das
Gesicht fiel, ist bei der Zerstörung der Oberfläche nicht mehr zu erkennen, ist aber
für die Deutung auch nicht entscheidend.

Bartoccini164 wollte in diesem Bild eine der Befreiung der Alkestis durch Her-
I kules voraufgehende Szene des Alkestismythos erkennen. Admet wolle seiner ver-
storbenen Gattin in den Tartarus nacheilen, werde aber von Merkur daran gehindert.
Ganz abgesehen davon, daß eine solche Sagenversion nicht überliefert ist und auch
dem Sinn des Mythos widerspräche, würde das bedeuten, daß wir uns hier innerhalb
des Tartarus befänden. Der Flügel dieser Tür geht aber in der gleichen Weise nach
außen auf wie der auf der anderen Seite, wo kein Zweifel herrschen kann, daß
Herkules Alkestis aus dem Hades herausführt. Überdies erkennt man an beiden
Türen noch eine Art Vorhang oder Portiere hinter den Türflügeln, die vom Tür-
sturz herabhängt und nur auf der Innenseite der Türen einen Sinn bat. Wir befinden
uns also auch hier außerhalb des Tartarus, und Merkur hat einen Verstorbenen
heraufgeführt, der es offenbar kaum abwarten kann, endlich wieder befreit zu sein
und mit der verschleierten Frau zusammen zu treffen, die auf ihn wartet, wie auf der
anderen Seite Admet auf Alkestis.

a. Alkestis und Protesilaus

Nur der Parallelmythos163 zur Befreiung der Alkestis, der Mythos von Protesi-
laos, kann hier dargestellt sein. Auf Bitten seiner jungen Gemahlin durfte er noch
einmal für einen Tag zu ihr zurückkehren, weil er versprach, sie zu überreden,
daß_sie freiwillig mit ihm in die Unterwelt zurückkehre. Der Mythos von Protesilaos
| und Laodamia ist deshalb ein sprechender Beweis für die Unsterblichkeit des Men-
; sehen und darüber hinaus noch dafür, daß das Leben im Jenseits nicht unerträglich
ist, da es Protesilaos gelingt, seine Frau davon zu überzeugen, ihm furchtlos ins
Jenseits zu folgen.

Auch der Mythos von Alkestis166, der uns auf einer Fülle von Grabdenkmälern
vor allem römischer, gelegentlich aber auch schon griechischer167 Zeit begegnet,
hatte die gleiche Bedeutung eines Beweises für das Weiterleben des Menschen nach

164 Bartoccini a. O. 160 ff.

105 Roscher, ML. III 2 (1902/09) 3155 ff. s. v. Protesilaos (Türk). L. Radermacher,
SBWien 182, 1918 III 102ff. Robert, SR. III 3, 496ff. Nr. 422f. RE. XXIII 1 (1957)
938ff. s. v. Protesilaos (Radke). Schauenburg a. O. 69f.

100 K. Dissel, Der Mythos von Admetos und Alkestis (1882). Roscher, ML. I 1
(1884/86) 233ff. s. v. Alkestis (Engelmann). RE. I 2 (1894) 1513 s. v. Alkestis (Escher).
Robert, SR. III 1 (1897) 25ff. Nr. 22-32. G. Körte, Urne etr. III (1916) 75ff. A. Lesky,
SBWien 203, 1925 EL Cumont a. O. 30 Anm. 3f. Dietz, Jb. Oberösterr. Mus. 97, 1952,
111 ff. Ferrua, Civiltä cattol. 107, 1956, 118ff.; Le pitture della nuova catacomba di Via
Latina (1960) 78 Taf. 79.

167 S. Anm. 197.
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