Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 38
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Amor hat Proserpina, diese ihren Gemahl bestimmt, Protesilaus für die Dauer
eines Tages, den Lima und Sol an den Kanten des Sarkophags versinnbildlichen,
an die Oberwelt zurückkehren zu lassen. Dem zum Zeichen hebt Sol anbietend die
Rechte. Eilends schreitet der Held durch das Hadestor. Der ianitor orci, mit struppi-
gem Haar und Bart und mit einem Knüppel bewaffnet, weist ihm den Weg. Hermes,
kenntlich an den kleinen Flügeln über den Knöcheln, erwartet ihn, um ihn zu seiner
Gattin zurückzuführen. Laodamia war gerade mit einem Opfer an Bacchus und an
den Toten beschäftigt, dessen tief verschleiertes Standbild sie neben der Herme des
Gottes und dem Altar aufgestellt hat, wo Scheite zum Opferfeuer aufgeschichtet
sind. Ein Parapetasma zeigt an, daß sich die Szene im Inneren des Hauses abspielt.
Als Laodamia ihres totgeglaubten Gemahls ansichtig wird, fällt sie vor Schreck und
Überraschung rücklings zu Boden und führt die Rechte staunend an die Lippen.
Aufgescheucht umgeben sie ihre Dienerinnen. Die eine läuft dem Herrn entgegen,
erhebt schon die Hand zum Gruß, während sie mit der anderen noch das Tympanon
hält, das sie beim Kult benutzt hatte. Eine andere eilt zu Laodamia hin, blickt aber
nocheinmal zurück, als traue sie ihren Augen nicht, und scheint vor Staunen die
Hände zusammenschlagen zu wollen. Die alte Amme mit der typischen Haube
beugt sich sogleich zu ihrer Herrin nieder, um ihr aufzuhelfen. Aber auch sie kann
den Blick nicht von dem Herankommenden wenden und weist mit der Rechten auf
ihn hin. Vor dem Altar steht eine Liknaphoros starr vor Staunen und vergißt, das
Liknon mit den Früchten vom Kopf herabzunehmen. Eine andere Myste hat sich
hinter der Herme des Gottes versteckt und schaut über seine Schulter ängstlich auf
die Szene. Alle Figuren des von Sol und Luna gerahmten Reliefbildes haben ihre
Blicke wie gebannt auf den Totgeglaubten gerichtet. Die völlige Überraschung,
freudiger Schreck und Staunen drücken sich in den Bewegungen aller aus, während
Protesilaus stürmisch zu seiner Gemahlin zurückeilt. Nur Hermes steht gelassen und
abwartend dabei. Er weiß, daß Protesilaus nur eine Gnadenfrist gewährt ist, er kennt
auch den Ausgang. Auf der rechten Nebenseite tritt er wieder zu dem nur für kurze
Zeit einander zurückgegebenen Paar heran. Protesilaus hat seiner Frau eröffnet, daß
die Frist abgelaufen ist. Mit bestimmender Gebärde der Rechten ermahnt er die
Gattin, ihm bald zu folgen, da er Pluto versprochen hatte, er werde seine Frau
bewegen, freiwillig in die Unterwelt hinabzusteigen, wenn jener ihn noch einmal
zurückkehren lasse. Laodamia steht voller Trauer gesenkten Hauptes vor ihrem
Gatten. In der Rechten hält sie den Dolch, mit dem sie sich das Leben nehmen wird.
Der kleine Amor zwischen dem Paar rauft sich jammernd das Haar, während Hermes
im traurigen Bewußtsein des unabwendbaren Schicksals geduldig und sinnend
dabeisteht, den Blick aus dem Bild heraus auf den Beschauer gewandt, dem dies
alles 'ein Beispiel sein soll. Der bewegende Mythos, eine Darstellung der den Tod
I überdauernden Liebe, ist auf diesem römischen Denkmal lebendig gestaltet. Die
Motive der Figuren sind allerdings zweifellos aus der griechischen Kunst über-
nommen, wie denn hinter der gesamten Darstellung die euripideische Tragödie
immer wieder spürbar wird. Was an diesem Sarkophag eigentlich römisch ist, ist
deshalb schwer zu sagen.
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