Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 39
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Anders ist dies bei dem zweiten Friessarkophag mit der Darstellung des Prote-
silaosmythos im Vatikan198 (II 3; Taf. 36, 1-3). Der trockene Faltenstil, die begin- 3®, A'Z
nende Aufbohrung der Haare zeigen, daß sich der Stil der Marcussäule vorbereitet,
doch ist die Lösung vom frühantoninischen Klassizismus keineswegs vollzogen.
| Der Sarkophag wird in den Jahren 160-170 gearbeitet sein.

Der Mythos ist auf dem Sarkophag in kontinuierender Darstellungsweise in
einzelnen aufeinander folgenden Szenen wiedergegeben: auf der linken Seite der
Abschied des Protesilaus von seiner betrübten Gattin in Gegenwart seines Waffen-
gefährten; auf der Vorderseite links die Landung des Schiffs, von dem Protesilaus
über eine ausgelegte Treppe hinabsteigen will. Ein trojanischer Krieger stürmt ihm
entgegen, und alsbald ereilt Protesilaus sein Schicksal. Wir sehen ihn kraftlos zu
Boden gesunken. Sein tief verhüllter Schatten löst sich von ihm, um dem Seelen-
geleiter Merkur zu folgen. Doch schon in der nächsten Szene führt Merkur den für
kurze Zeit aus der Unterwelt Entlassenen zum Palast seiner Gemahlin zurück. Vor
den Stufen des Palastes treffen die liebenden Ehegatten zusammen. Aber die Zeit
verstreicht. Laodamia hatte sich auf eine Kline gelegt, der Gatte sich zu ihr gesetzt,
die Beine übereinandergeschlagen, die Wange in die Hand gestützt zu trautem
Gespräch. Aber schon wendet er sich ab, der Schatten löst sich wieder von ihm, und
Laodamia sinkt in trostlosem Schmerz zurück. Über ihr ist ein Schrein mit einer
Theatermaske angebracht, darunter sind zwei Thyrsosstäbe kreuzweise aufgehängt,
unter dem Bett liegen Krotalen und Tympanon. Auch hier also die Zeichen bacchi-
schen Kultes, mit dem Laodamia das Andenken ihres Gemahls geehrt hatte. In der
abschließenden Szene rechts führt Merkur den aufs neue Verstorbenen dem Fergen
Charon zu, der mit seinem Kahn durch das Tor des Hades heranfährt, hinter dem
man auf der rechten Nebenseite die seltene Darstellung dreier großer Büßergestalten
sieht, Sisyphos mit dem Felsblock, Ixion auf dem Rad, Tantalos, dem das Wasser
vom Munde flieht.

Die sechs Szenen der Vorderseite sind friesartig nebeneinander gereiht und nur
dadurch getrennt, daß die Figuren sich in den einzelnen Szenen zueinander wenden
und den Figuren der anschließenden Szenen den Rücken zukehren. In Linienführung
und Verteilung der Figuren ist der friesmäßige Charakter der Komposition gewahrt,
doch gibt die Anordnung des Paares in der Mitte dem Fries ein Zentrum. Betont
wird dies durch die inhaltlich sinnlose Wiederholung eines Tores auf der linken
Seite entsprechend dem Hadestor der rechten, durch die pendantartige Wiederkehr
der Schiffe zu beiden Seiten und die Zusammenfassung von zweimal drei Figuren
zu einer kompositioneilen Einheit auf jeder Seite, wobei sogar der Zusammenhang
der Mittelgruppe auf der linken Seite diesem Prinzip zuliebe ein wenig beeinträchtigt
wird. Die merkliche Lücke zwischen Merkur und dem Schatten des Protesilaus ist
kompositioneil bedeutungsvoll und nicht nur durch das Fehlen von Merkurs
rechtem Arm bedingt. Wir haben in dem Sarkophagrelief eine merkwürdige, aber

198 Die Beschreibung dieses Sarkophags wurde auch in den Führer durch die öffent-
lichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom aufgenommen.
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