Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 41
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geäußert an seiner früheren Deutung, daß Merkur dem Verstorbenen auf dem Sar-
kophag aus den vatikanischen Gärten die Augen zudrücke. Er fragt nun, ob der
Seelenführer nicht vielmehr dem Dahingeschiedenen das Antlitz mit dem Mantel
verhüllen wolle. Aber ist es nicht einfacher, auch hier wie bei der Nebenseite des
Proserpinasarkophages anzunehmen, daß Merkur das Antlitz des stehenden Mannes
enthüllt und ihn so dem Leben und seiner um ihn weinenden Frau zurückgibt?
Dann wäre auch in diesem Mann Protesilaus und in der klagenden Frau Laodamia
zu erkennen201. Daß Protesilaus hier bärtig erscheint, braucht nicht wunderzuneh-
men. So weitgehende mythologische Treue ist auf einem römischen Sarkophag nicht
zu erwarten, und außerdem könnte es sich um ein Porträt handeln202.

Auf drei weiteren römischen Sarkophagen begegnet also neben dem Sarkophag
von Velletri der Mythos von Protesilaos, in dem die Hoffnung auf ein Weiterleben
nach dem Tod deutlich ausgesprochen, ja der Beweis erbracht wird, daß das Jenseits
nicht voller Schrecken ist, weil Protesilaos seine Gemahlin überredet, freiwillig mit
ihm dorthin zurückzukehren.

Auch der freiwillige Abstieg Laodamiens in die Unterwelt ist auf römischen Grab-
denkmälern dargestellt worden. In einem Stuckrelief (II 5; Abb. 3) des wohl in der
f Mitte des 2. Jhs. errichteten Grabbaues des P. Aelius Maximus auf der Isola Sacra203
von Ostia ist die Darstellung durch Beischriften gesichert. Links sehen wir eine
Gruppe, die man ohne die Inschriften leicht als die Rückführung der Alkestis deuten
könnte. HERCULES führt eine tiefverschleierte Frau durch ein Tor. Die Inschrift
lehrt aber, daß es LAVDAMIA ist, die in die Unterwelt hineingeführt wird. Rechts
thront PLVTO. In der Linken hält er das Szepter, die Rechte streckt er einladend
der Ankommenden entgegen. Hinter ihm steht PROTESI(L)AVS, der nun für
immer mit seiner Frau vereint wird.

Merkwürdig ist an diesem Bilde, daß es Herkules und nicht Hermes ist, der die
Verstorbene geleitet. Wilamowitz204 meint dazu: „At Herculem psychopompum
neque novimus neque umquam fuisse credi potest. Ergo aut per errorem Herculem
pro Mercurio finxit operarius, aut in nomine addendo peccavit, aut M littera districtis
ductibus ita exarata est, ut legentem fallat. Graecum enim nomen HERMES ei
convenit, qui PLVTON scripsit." Die beiden zuletzt erwogenen Möglichkeiten, den
Anstoß durch die Annahme zu beseitigen, daß die Inschrift entweder fälschlich zu
der Figur gesetzt oder falsch gelesen wurde, sind hinfällig, weil der Dargestellte
durch Keule und Löwenfell eindeutig als Herkules gekennzeichnet ist. Der Stucka-

201 Diese Deutung hatte schon Jahn, SBLeipzig 1856, 275 ff., bes. 281 erwogen,
aber wegen der Bärtigkeit des Dargestellten abgelehnt.

202 Auch eine Verzeichnung ist nicht ausgeschlossen, obwohl sie bei drei unabhängi-
gen Zeichnern merkwürdig wäre. Montfaucon hat Protesilaus ebenfalls bärtig gezeichnet,
Robert, SR. III 3, 498 Abb. 422" b, obwohl er auf dem Sarkophag unbärtig ist. Allerdings
notiert Robert, SR. II 154 Nr. 1401, einen bärtigen Kopf in Ostia, der zu einer Replik
dieses Sarkophages gehören soll, was ich nicht nachprüfen konnte.

203 Zur Datierung vgl. Calza a. O. 139.

204 v. Wilamowitz-Möllendorf a. O. 89 ff.
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