Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 52
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vom Baum der Hesperiden . . . einen Augenblick im Besitz aller Macht des Jenseits,
der Früchte des Lebens und des Wächters des Todes"248 sehen, ist eine deutliche
Hoffnung auf Überwindung aller Mühen und Belohnung im Jenseits ausgesprochen.
Daß an einen Belohnung verdienenden Sieg des Herkules über die Mühen des

I Lebens gedacht ist, dafür scheinen uns auch die beiden Palmen zu sprechen, die sich
auf der rechten Nebenseite des Velletrisarkophags zwischen den gedrehten Säulen
und den Eckfiguren finden. Bartoccini249 glaubt, daß es Landschaftselemente sind,
die zu den Szenen des Löwen- und Hydraabenteuers gehören, und daß sie keine
symbolische Bedeutung haben. Ahnliche Palmen begegnen aber auch an den Kanten

i des spätflavischen Grabcippus der Cornelia Glyke im Vatikan250, an den Kanten der

| Rückseite eines frühkaiserzeitlichen Altars in Arles251 oder auf einem allerdings
stark überarbeiteten Sarkophag des mittleren 4. Jhs. im Lateran, der Hirtenszenen
und ein Ehepaar in einer Muschel zeigt252. Auch auf einem Sarkophag des 2. Jhs.
in Ingirik Köy253 begegnen zwei Palmen zu beiden Seiten der Inschrifttafel neben
den imagines clipeatae. Bei diesen Beispielen können die Palmen keine Landschafts-
elemente sein. Ihre Bedeutung erhellt, wenn wir ein Denkmal wie den Aschenaltar

j des C. Clodius Primitivus im Belvedere des Vatikan254 ins Auge fassen. Auch hier
finden sich an den Ecken Palmen; davor stehen Viktorien, die leise die Grabestür
öffnen. Das muß ein Sinnbild für den Sieg des Lebens sein. Die Palmen, von denen
der Palmzweig als Siegespreis gebrochen wurde, sind dann zwanglos als eine Ver-
deutlichung dieses Gedankens zu verstehen. An dem großen Grabaltar für die bei
Adamklissi gefallenen Soldaten des Fuscus255 stehen vor den Eckpfeilern Palmen;
auch diese sind als der Siegespreis für die pro patria Gefallenen erst wirklich ver-
ständlich.

Als invictus laboribm et victor ojtinium terrarum wurde Herkules nach dem oben
angeführten _2eugnis_ Senecas256 in der Popularphilosophie bezeichnet. Wir möchten
deshalb die Palmen auf dem Velletrisarkophag auf den Sieg des Herkules beziehen,
auf diesen Sieg, der gerade bei den ersten Taten des Helden, der Überwindung des
Löwen und der Hydra, besonders schwer war.

248 Schweitzer, Herakles (1924) 139.

249 Bartoccini a. O. 148.

250 Amelung, Vat. Kat I 833 Nr. 48 Taf. 93. Altmann, Rom. Grabaltäre der Kaiser-
zeit 122 Nr. 130. Gusman a. O. Taf. 83.

251 Altmann a. O. 22f. Abb. 17. Gusman a. O. Taf. 111. W. Hermann, Rom. Götter-
altäre (1961) 91 f. Nr. 22.

262 Wilpert, ArtBull. 9, 1926/7, 97 Abb. 8; RivArchCr. 4, 1927, 73 Abb. 11.

253 C. Anti, MonAnt. 29, 1923, 715 Abb. 14.

254 Amelung, Vat. Kat. II 216f. Nr. 80 Taf. 21. Altmann a. O. 101 Nr. 83 Abb. 85.
Zu der hier angenommenen Bedeutung des Palmbaums als Symbol des Lebenssieges vgl.
jetzt auch H. Jucker, Das Bildnis im Blätterkelch (1961) 211.

256 S. Tocilesco, Fouilles et recherches archeol. en Roumanie (1900) 67. C. Cichorius,
Die röm. Denkmäler in der Dobrudscha (1904) 19 ff. Studniczka, Abh. Leipzig 22,1904 IV
10. 68ff.

250 Sen. dial. 2, 2, 2.
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