Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 58
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so großes Schiff mit geblähtem Segel zeigt, wurde bisher auf die Überfahrt des Charon
| gedeutet. Es ist das Gemälde in dem bunten Grab von der Via Portuense im Ther-
\ menmuseum281, das links eine steilabfallende Küste mit einem Baum, einer sitzenden
und einer stehenden Gestalt in langen Gewändern zeigt und rechts auf dem Meer
ein mit vollem Segel vorüberfahrendes Schiff, an dessen Mastbaum in eigentümlich
gekrümmter Haltung eine Figur steht. Schon früher282 konnte ich mich von der an
sich verlockenden Deutung B. M. Felletti-Maj's auf Charons Schiff nicht überzeugen
lassen, gegen die die typologische Übereinstimmung des Bildes mit Darstellungen
des Sirenenabenteuers des Odysseus spricht, von denen eine der wichtigsten das
neugefundene Fragment der Esquilinfresken283 ist. Die Tatsache, daß auf dem Grab-
gemälde im Gegensatz zu dem Fresko vom Esquilin das Segel des Odysseusschiffes
nicht gerafft ist, wie es die Stelle in der Dichtung284 fordert, darf nicht als Gegen-
argument benutzt werden, da das Schiff auch bei anderen Darstellungen285 mit vollen
Segeln an dem Sirenenfelsen vorbeifährt.

Wenn es auch, wie sich286 noch zeigen wird, willkommen gewesen wäre, noch
weitere Beispiele für das seetüchtige Schiff des Charon zu finden, so bleibt doch der
Sarkophag von Velletri vorläufig das einzige. Ob die merkwürdige Darstellung eine
besondere Bedeutung hat, werden wir später untersuchen287. Flier sei nur darauf
! hingewiesen, daß die Segel allein eine andere Deutung als die auf Charon288 nicht
! rechtfertigen, denn auch bei Vergil289 lesen wir: ipse ratem conto subigit, velisque
j ministrat.

b. Tantalus

Darstellungen des Tantalus in der römischen Grabkunst:

1. Beirut, Mus., bemaltes Grab aus Tyrus290.

2. Velletri, Sarkophag291 (Taf. 28, 1).

3. Vatikan, Gall. dei Candelabri, rechte Nebenseite des Protesilaussarkopha-
ges292 (Taf. 36, 3).

281 Feilend Maj, RIA. 2, 1953, 40ff.; vgl. o. Anm. 5.

282 Andreae a. O. 202.

283 L. Borrelli Vlad, Bd'A. 41, 1956, 292 ff. Andreae, RM. 69, 1962, 107.

284 Horn. Od. 12, 167ff.

286 z. B. Robert, SR. II Nr. 140. 142 Taf. 52. Vgl. auch die bei Borelli Vlad a. O.
aufgeführten Beispiele.

288 S. u. 132.

287 S. u. 131 f.

288 Klauser a. O. 144 möchte in der Darstellung den xaT(/.7tXou? des orphischen
Sehers erkennen.

280 Verg. Aen. 6, 302.

290 Picard, CRAcInscr. 1940, 405. Cumont a. O. 508 Fink a. O. 65 Anm. 4; vgl. o.
Anm. 173.

291 Bartoccini a. O. 164 f. Abb. 48.

292 Robert, SR. III 3, 489 Nr. 423. Lippold, Vat. Kat. III 2, 208 Taf. 98. Bartoccini
a. O. 165 Abb. 47. In den Magazinen des Vatikans existiert die Ecke eines Sarkophags
mit Tantalus und einem Rest vom Rad des Ixion. Unveröffentlicht, vgl. Lippold, Vat.
Kat. III 2, 209.
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