Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 63
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auch der Vogel dienen, ein „volatile acquatico", in dem vielleicht der Schwan
zu erkennen sei, in den Kyknos verwandelt wurde. Aber daß auch die römischen
Steinmetzen einen Schwan mit tief herabhängendem Leib, langem Hals und stump-
fem Schnabel darstellten, davon kann man sich durch einen Blick auf die Phaethon-
sarkophage335 leicht überzeugen. Auch Bartoccini nennt diesen „volatile acquatico"
nicht expressis verbis einen Schwan. Dafür schien ihm die zoologische Ähnlichkeit
wohl doch zu gering. Und wer hätte schon einmal einen Schwan im Fluge Beeren aus
einer Baumkrone naschen sehen ? Der Vogel kann für die Deutung auf den Heliaden-

■ mythos nicht herangezogen werden; er bleibt noch zu erklären. Auch von einem

I Sammeln der Bernsteintränen ist im Heliadenmythos nirgends die Rede.

Ein Erklärungsversuch muß die Eigentümlichkeiten der Szene berücksichtigen,
den Vogel und die tänzerisch bewegte Haltung der Mädchen. Bäume, in deren Ge-
zweig sich Vögel tummeln und Beeren picken, begegnen uns auf einer bestimmten
Gruppe römischer Grabcippen, von denen ein bekanntes Beispiel der Cippus der

f Julia Victorina im Louvre ist336. Der Baum wird von Cumont337 als der Lorbeer
des Apollon interpretiert, aber man muß diese Bäume darüber hinaus doch wohl in
einem weiteren Sinn als abgekürzte Darstellung des Elysiums verstehen, als den
Baum des_ Lebens, in dem Paradiesvögel sich tummeln. Die Vorstellung vom

} Jenseits als einem Hain von Blütenbäumen finden wir seit Pindar338 in der Poesie
immer wieder339. Daß Vögel den Hain beleben sollen, spricht das griechische
Epigramm340 eines Grabes an der Via Latina aus. In einem solchen Hain sehen wir
Patro und seine Familie in dem in den Louvre gelangten bemalten Grab augusteischer
Zeit von der Via Latina bei Rom341 (Taf. 35, 2. 36. 37). Hier sind gewiß die Gefilde
der Seligen gemeint. Eine satirisch gemeinte Banalisierung des Gedankens vom Hain
der Seligen ist es, wenn Trimalchio342 Obstbäume und Wein um sein Grab pflanzen
will, weil es falsch wäre, die Wohnstätten, in denen man länger wohnen muß, nicht
ebenso zu pflegen wie die im Leben. Trimalchio drückt den Gedanken so trivial aus
wie möglich. Das zeigt aber, in welcher Breite er verstanden werden konnte. Die
Tatsache, daß Bäume mit sich tummelnden Vögeln auch auf anderen, nicht sepul-
kralen Denkmälern vorkommen343, beweist also nicht, daß solche Szenen auch auf
Grabdenkmälern rein gedankenlose Dekoration sind und „nur zur Belebung
dienen"344.

335 Robert, SR. III 3 Nr. 336-344.

336 Cumont a. O. 162. 244 Taf. 22.

337 Ebd. 162.

338 Pind. Ol. 2, 127 ff.

339 Rohde a. O. I 24 Anm. 2; 230.

340 Epigr. Graeca ed. Kaibel Nr. 546, 5 ff.

341 G. P. Secchi, Mon. ined. d'un ant. sepolcro di famiglia greca scoperto in Roma su
la Via Latina (1843). G. Bagnani, AJA. 57, 1953, 104. Hier Taf. 35, 2 ff.

342 Petron. 71.

343 Das berühmteste Beispiel ist der Gartensaal der Livia: M. Gabriel, Livia's Garden
Room at Primaporta (1955).

344 A. Michaelis, AZ. 24, 1866, 146ff. Taf. 7.
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