Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 64
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Wir möchten daher in der besprochenen Szene des Velletrisarkophags eine Dar-
] Stellung des Elysiums erkennen, und zwar in der besonderen Form der Karpologia
|_oder Anthologia, wie B. Neutsch345 sie im Anschluß an derartige Darstellungen
auf lokrischen Reliefs verfolgt hat. Unter den römischen Denkmälern ist jenes be-
rühmte und immer wieder zitierte Grabgemälde des Hypogäums der Octavia Paulina
von der Via Triumphalis in Rom346 vor allem heranzuziehen. Die Gefilde der Seligen
sind zu einer paradiesischen Wiese geworden, auf der sich kindlich kleine Selige
zwischen baumhoch gewachsenen Blumen ergehen. Eines dieser kleinen Wesen
streckt sich nach oben, andere bücken sich auf die Wiese nieder, um Blüten zu
pflücken. Der riesenhafte Hermes Psychopompus läßt noch deutlicher den Ort als
das Jenseits erkennen, und Amor raubt Psyche auf einem Taubengespann in spieleri-
schem Anklang an den Raub der Proserpina.

Die Erklärung als Szene im Elysium wird auch der tänzerisch bewegten Haltung
I der beiden Mädchen gerecht, die als Selige leichtfüßig dahinwandeln und sich
ergötzen an den Blütenbäumen schönerer GefildeJ3^}

Im unteren Streifen der Rückseite des Velletrisarkophags wäre also das ganze
Jenseits, die Styx mit dem Schiff des Charon, der Ort der Büßer und der Ort der
? Seligen dargestellt. Es mag merkwürdig erscheinen, daß diese beiden Orte hier
j unmittelbar nebeneinander liegen, aber „im Grunde ist die Auffassung, die wir bei
den Autoren von Hadesfahrten und auf Grabinschriften finden, die, daß das Land
der Erlösten ein Teil der Unterwelt ist und von demselben Götterpaar beherrscht
| wird"348. So gelangt bei Vergil^ um nur das berühmteste römische Beispiel zu
| zitieren, Aeneas unmittelbar von Proserpinas Haus ins Gebiet der Seligen.

Das Nebeneinander von Seligen und Büßern finden wir auch auf dem schon
öfter erwähnten verschollenen Sarkophag der vatikanischen Gärten350, wo wir un-
mittelbar neben einem Satyr mit Doppelflöte und einer Mänade mit Tamburin, die
hier für die Seligen stehen, die Danaiden als die Vertreter der Büßer sehen (Taf. 34,1).
Die Darstellung des Jenseits wäre unvollkommen, wenn nur die Büßer darin
j vorkämen und nicht auch der a^st^cov ^wpo?351 der Seligen. Wenn die Büßer hier
mit drei Szenen einen so viel breiteren Raum einnehmen als die Seligen, so liegt das
daran, daß ihre Leiden klarer ausgeprägt sind und sich besser zur Darstellung eignen
als die Freuden der Seligen, die in der antiken Vorstellung recht unbestimmt sind.

345 B. Neutsch, RM. 60/61, 1953/54, 62ff.

346 Bendinelli, NSc. 1922, 428ff. Lehmann-Hartleben, AA. 1926, 106 Abb. 19.
F. Wirth, Rom. Wandmalerei (1931) 148 Taf. 38. Rumpf, HdArch. IV 1, 192 Taf. 69, 5.
Neutsch a. O. 62ff. Borda a. O. 314fF. Himmelmann-Wildschütz, MarbWPr. 1959, 34f.
Anm. 32.

347 Die Ähnlichkeit mit Darstellungen des Hesperidengartens: Langlotz in: Robert
Boehringer (1957) 404f., kann diese Erklärung nur stützen.

348 Roscher, ML. VI (1924/37) 92f. s. v. Unterwelt (Pfister).

349 Verg. Aen. 6, 637.

350 Robert, SR. II 152 Nr. 140. Courcelle, REA. 46, 1944, 86 Taf. 1-3.

351 Epigr. Graeca ed. Kaibel Nr. 649. =IG. XIV 1937.
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