Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

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6. Zwei Tugendideale

a. Opferszene: pietas erga deos

Im untersten Streifen der rechten Nebenseite (Taf. 29,1) des Velletrisarkophages
| ist eine Opferprozession dargestellt mit einem camillus, der die tabula*5'2- trägt, auf
der das Gelübde verzeichnet ist, mit_zwei popae und zwei Stieren. Opferszenen, die
im Bereich der römischen Grabkunst nicht selten sind353, bedeuten die pietas des
Grabinhabers, die bisweilen sogar personifiziert neben dem Opfernden erscheint35*/.

b. Hirtenszene: pietas erga homines

Wie das gemeint ist, läßt sich besser verstehen, wenn man die Szene des sacri-
Jicium als Gegenstück zu der an entsprechender Stelle im untersten Streifen der lin-
Jcen Nebenseite (Taf. 29, 2) angebrachten Hirtenszene betrachtet. An beiden Seiten
des Streifens stehen zwei Hirten, zu deren Füßen sich je ein Schaf befindet. _Der
linke hält das pedum und trägt ein Lämmchen im Arm, der rechte hält einen abge-
brochenen Zweig in der Hand. In der Mitte zwischen den beiden Atlanten, die auch
hier das Gesims tragen, wächst ein Baum auf. An seinen Blättern knabbern zwei
Ziegenböcke, von denen der eine am Stamm aufsteigt, während ein Widder unter
dem Baum weidet.

Der Velletrisarkophag ist inmitten eines Gebietes gefunden worden, in dem aus-
gedehnte Landgüter römischer Großer lagen, und wir müssen annehmen, daß der

3 Grabinhaber einer jener Latifundienbesitzer war, der sich auf seinen Ländereien
ein Grabmal errichten ließ. Man könnte in der Hirtenszene eine Anspielung auf das
Landleben des Grabinhabers sehen. Aber bukolische Szenen sind im römischen
Sepulkralbereich, auch in stadtrömischen Gräbern, zu häufig, als daß sie sich immer
auf Landbewohner beziehen könnten355. Sie müssen hier in weiterem Sinn als Dar-
stellung einer idealen Lebensform verstanden werden. Wir können hier nicht auf das
ganze Problem der Bukolik eingehen. Wie Klauser es kürzlich in seiner Studie über

| die Entstehung des Bonus-Pastor-Typus356 ausdrückte, „flüchtete die verwöhnte,
großstadtmüde Gesellschaft in den Spuren von Dichtern, wie Theokrit und Vergil,
Tibull und Calpurnius und Ethikern wie Musonius in die Traumwelt paradiesischen
Hirtenlebens und kleidete ihre Wunschvorstellungen und Leitbilder in die Bilder-
sprache des Hirtentums".

352 Klauser a. O. 144 nimmt an, daß er ein vexillum trägt.

353 Besonders ähnlich auf dem Sarkophag der Octavia Paulina: Cumont a. O. 470
Taf. 46, 3. Im übrigen vgl. Brendel, RM. 45, 1930, 196 ff. Rodenwaldt, AbhBerlin. 1935,
3. Daremberg-Saglio IV 2, 975 s. v. Sacrificium (Toutain), vgl. auch das Sarkophagfrgt.
Rom, Villa Borghese: Matz-Duhn III 3312.

364 Rodenwaldt a. O. 6 ff. Cumont a. O. 448.

355 RAC. II (1954) 786ff. s. v. Bukolik (W. Schmid).

366 Klauser, JbAC. 1, 1958, 31.
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