Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 67
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) wir das Spendeopfer des Verstorbenen an Pluto bei seinem Eintritt in die Unterwelt
sehen, und zu dem leider zerstörten Giebel, in dem wir aber, wie in dem anderen

! erhaltenen (Taf. 6), die Darstellung einer stiertötenden Viktoria annehmen dürfen361.
Wir treten damit in die Betrachtung einer anderen Bildform362 als der der allegori-
schen Bilder ein, nämlich in die Betrachtung der Symbole. Was damit gemeint ist,
wird sich erst im Lauf der Untersuchung deutlicher zeigen. Wir werden uns von der
Darstellung selbst leiten lassen.

Auf der rechten Nebenseite sehen wir also über der Darstellung eines realen

• Opfers363, wie es in Rom häufig auch von Privaten veranstaltet wurde, die Trans-

( ponierung des Opfers in eine mythische Sphäre. Wenn auch, wofür wir gleich den
Beweis erbringen müssen, im zerstörten Giebel dieser Seite wie auf der anderen eine
stiertötende Viktoria angebracht war, so befand sich hier über der Darstellung des
realen und des mythischen Opfers eine Opferszene besonderen Gepräges, nämlich
eine stiertötende Viktoria als Symbol des Opfers. Als Beweis für die Annahme, daß
in beiden Giebeln das Gleiche dargestellt war, ist dreierlei zu werten. Einmal sind

/ auch in den runden Giebeln der beiden Schmalseiten (Taf. 20. 29) die gleichen
Gestalten schlangenbeiniger Giganten anzutreffen. Zweitens ist der Sarkophagdeckel
auf der rechten Seite vom 13. Zahn des Zahnschnittes am Schräggeison an abge-
brochen, genau an der Stelle, wo auf der anderen Seite der Flügel der Viktoria
ansitzt. Drittens ist es von vornherein wahrscheinlich, daß bei der weitgehenden
Korresponsion der Seiten, die wir bei dem Sarkophag antreffen, in beiden Giebeln
die gleichen Szenen dargestellt waren, zumal wenn es sich um eine so dekorative
Gruppe wie diejenige der stiertötenden Viktoria handelt.

Die in der dekorativen Kunst seit der Nikebalustrade so häufige Darstellung

jder stiertötenden Nike oder Viktoria364 begegnet in der römischen Gräberdekora-
tion, wenn ich recht sehe, selten, aber sie fehlt nicht ganz365. Auf dem Deckel des
Leukippidensarkophags in Baltimore366 begegnen vier zu zwei Paaren gruppierte
Viktorien, die einen Stier niedergezwungen haben und ihm mit dem Opfermesser
den Todesstoß geben.

301 S. u. auf dieser S.

302 Diese streiften wir bereits o. 52f. bei der Betrachtung der Palmen.

363 Vgl. o. 65.

364 R. Kekule, Die Reliefs an der Balustrade des Tempels der Athena Nike (1881).
C. Smith, JHS. 7, 1886, 275ff. E. Reisch, Griech. Weihgeschenke (1890) 34. Studniczka,
Die Siegesgöttin (1898). Cumont, Textes et mon. I (1899) 179 f. Roscher, ML. III 1 (1897-
1902) 345 f. s. v. Nike (Bulle). F. Malten, Jdl. 43, 1928, 90ff. F. Saxl, Mithras (1931) 4ff.
Abb. 34. H. Schoppa, AA. 1935, 30 ff. R. Carpenter, Sculptures of the Nike Temple Parapet
(1929). E. Will, Le rel. cultuel greco-rom. (1955) 169 ff.

365 Der Velletrisarkophag und der Leukippidensarkophag in Baltimore, s. Anm. 366,
sind bisher die einzigen mir bekannt gewordenen Beispiele; ich bin aber überzeugt, daß
sich noch weitere finden werden.

360 G. Fiorelli, NSc. 1885, 75. Mel. 5, 1885, 318f. Taf. 12. Robert, SR. III 2 Taf. 58.
Lehmann-Olsen, Dionysiac Sarcophagi in Baltimore (1942) 55 Abb. 11. I. A. Richmond,
Archaeology and the After Life in Pagan and Christian Imagery (1950). Curtius, MdL 4,
1951, 28.
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