Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 68
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Die drei Arten der Darstellung des Opfers, die wir auf der rechten Nebenseite
des Sarkophags übereinander sehen, zeigen uns geradezu den Weg der Verbild-
lichung eines Gedankens, wobei man sich vorstellen kann, daß alle drei Möglich-
keiten, das Bild aus dem wirklichen Leben, die mythologische Allegorie und das
Symbol307 auch unabhängig voneinander und einzeln gewählt werden können. Aus
dem Zusammenhang auf unserem Sarkophag aber geht hervor, daß sie auch, wenn
sie allein erscheinen, nicht anders interpretiert werden sollten, als eine Verbildlichung
der pietas.

Es erhebt sich natürlich die Frage, ob die dekorative Gruppe der stiertötenden
Viktoria in den Giebeln nicht auch als reine Dekoration verstanden werden könnte.
Mit ihrem pyramidalen Aufbau eignet sie sich gut zur Füllung eines Giebels. Aber
dieser rein äußerlichen Erklärung steht die Bedeutung des Gesamtzusammenhangs
entgegen.

b. Giganten

In den runden Giebeln über den Türen der Schmalseiten — auf der rechten
\ Seite also mitten hineingesetzt zwischen die drei Möglichkeiten der Darstellung
eines Opfers — finden sich nämlich die Bilder je eines schlangenbeinigen Giganten
(Taf. 13. 22), der nach oben gewandt kämpft. Der eine hat sein Gewand, der andere
| offenbar ein Tierfell als Scliild über den ausgestreckten linken Arm gehängt, mit der
Rechten holen sie zum Wurf aus. Welches Wurfgeschoß der eine trug, kann man
wegen der Zerstörung nicht mehr erkennen. Der andere (Taf. 13) hält merkwürdiger-
| weise ein Blitzbündel, die Waffe des Zeus, wurfbereit in der Rechten. Wir wären
ratlos, dächten vielleicht an Summanus363, wenn uns nicht bei Nonnos in den
| Dionysiaka eine Sagenversion überliefert wäre, nach der Typhon, ein gewaltiges,
? den Giganten ähnliches Ungeheuer der Urzeit, Zeus den Blitz geraubt hat369. Durch
dessen Besitz fühlte er sich zu einem Angriff auf den Olymp ermutigt, wird aber von
( Zeus überwunden. In Typhon ist die äußerste Hybris dargestellt, die gegen den
höchsten Gott mit dessen eigenen Waffen zu kämpfen wagt.

Die abgekürzte Darstellung des Gigantenkampfs kann in unserem Zusammen-
hang nur als Andeutung der anderen Möglichkeit des Menschen verstanden werden,
| den Göttern nicht mit der pietas des Opfernden, sondern mit der superbia der Gi-
| ganten gegenüberzutreten. Die Giganten370 sind ein Gegenbild zu der in frommem

307 Vgl. u. 80 ff.

308 Curtius, RM. 49, 1934, 233ff.; MdL 4, 1951, 10ff.

300 Nonn. Dion. 1, 145 ff. Roscher, ML. V (1916/24) 1435 s. v. Typhon (Schmidt).
Goethcrt, RM. 55, 1940, 233fT. H. Jucker, Jb. Bern. Hist. Mus. 39/40, 1959/60, 294.

(-a7° Andere Darstellungen in der Grabkunst sind selten. Die Sarkophage Robert,
SR. III 1, 112ff. Taf. 26 hat G. Kleiner, BWPr. 105, 1949, 17ff. besprochen und mit Recht
die Gleichung Barbaren = Giganten aufgestellt. Das spricht aber nicht gegen die hier
vorgetragene Deutung, da auch die Gleichung unbotmäßige Barbaren = superbi (Verg.
Aen. 6, 853) gilt. Auch der vermeintliche Summanus, s. o. Anm. 368f., dürfte ein nieder-
geblitzter Gigant sein, der den Giebel eines Grabbaues schmückte mit der gleichen Sinn-
gebung, der bestraften superbia. Zu dem neu gefundenen Sarkophag von Pomezia im
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