Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 69
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Opfer sich manifestierenden pietas. Das Bild ist eine mythische Allegorie; in der
Abkürzung auf einen einzelnen Giganten, der sein Geschoß gegen den Himmel
schleudert, hat es den gleichen Symbolcharakter angenommen, wie wir ihn für die
stiertötende Viktoria, ebenfalls ein mythisches Bild, voraussetzten. Die Deutungen
stützen sich gegenseitig. Wenn sich schließlich aus der Gesamtdekoration ein so
klarer Sinn ergibt, der besonders in der Beziehung der einzelnen Bilder aufeinander
deutlich wird, kann man nicht mehr von reiner Dekoration sprechen. Wir werden
auf das hier angeschnittene Problem noch zurückkommen371.

c. Caelus, Sol, Luna, Nox, Gorgoneia

Es bleiben uns noch die je fünf Giebel der Vorder- und Rückseite des Sarko-
phags und die gesprengten Giebel der Ecken zu betrachten.

In der Mitte der Vorderseite (Taf. 1) sehen wir in dem runden Giebel (Taf. 5)
\ die Halbfigur eines bärtigen Mannes, der einen Mantel im Bogen ausgebreitet über
! sich hält: Caelus, der Gott des Himmelszeltes, wie er uns von vielen anderen Denk-
mälern bekannt ist372. Zu seiner Rechten erscheint die mit der Chlamys bekleidete
I Halbfigur eines Jünglings mit Strahlenkrone auf dem Haupt, einer Peitsche in der
\ Rechten, einer Kugel in der Linken: Sol, der Sonnengott373 (Taf. 6); zur Linken
von Caelus eine weibliche bekleidete Halbfigur, die ihren hinter dem Haupt sich
| blähenden Schleier mit der Linken festhält. In der Rechten trägt sie eine Fackel,
] über ihrem Haupt erscheint die Mondsichel: Luna, die Mondgöttin374 (Taf. 7).

In den Mittelgiebeln der Vorderseite ist also das Firmament mit seinen Leuchten
dargestellt.

In den Mittelgiebeln der Rückseite (Taf. 3) finden wir eigentümliche Gegen-
! bilder dazu: im runden mittleren Giebel (Taf. 19) eine bekleidete weibliche Halb-
) figur, die ihren sich hinter dem Körper bauschenden Mantel mit beiden Händen hält,
in den Dreieckgiebeln rechts und links davon je ein Gorgoneion (Taf. 17. 18).

Die weibliche Halbfigur in der vdificatio erklärt Bartoccini375 als jAurora^,
ohne auf ihre Bedeutung näher einzugehen. Aurora kennen wir zum Beispiel vom

Thermenmuseum vgl. Andreae a. O. 229 Nr. 17, hier Taf. 40. Vgl. auch F. Vian, La guerre ]
des geants (1952) 289 f.

371 S. u. 79 ff.

372 Bartoccini a. O. 140fr. Zum Caelus vgl. Roscher, ML. I 1, 844f. s. v. Caelus
(Steuding). Sarkophagdeckel Rom, Vatikan: Amelung, Vat. Kat. II 688 Nr. 430 Taf. 78.
Curtius, MdL 4, 1951, 27. Sarkophag Rom, Villa Medici: Robert, SR. II 13ff. Nr. 11
Taf. 5. Cagiano de Azevedo a. O. 68f. Nr. 54 Taf. 28, 43. Sarkophag Ostia, Antiquarium
(früher Porto, Pal. Arcivescovile): Robert, SR. III 3, 430 Nr. 3451 b. Zur Anordnung von
Caelus, Sol und Luna in den Giebeln vgl. H. Jucker, Das Bildnis im Blätterkelch 142 ff.

373 Bartoccini a. O. 140 ff. Zur Darstellung des Sonnengottes vgl. Schauenburg, Helios
(1955). Will a. O. 272ff.

374 Bartoccini a. O. 140 ff. Zur Darstellung der Mondgöttin vgl. Roscher, ML. II 2
(1894/7) 3119ff, bes. 3129-3147, s. v. Mondgöttin (Roscher). Will a. O. 272ff.

376 Bartoccini a. O. 174.
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