Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 70
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! Panzerschmuck des Augustus von Primaporta376, wo sie als geflügeltes Mädchen
erscheint, so wie Eos auch stets in der griechischen Kunst gebildet war377. Eine als
weibliche Halbfigur in der velificatio gebildete Aurora begegnet uns in der antiken
Kunst nicht. Aurora hätte im Programm unseres Sarkophags auch keinen ersicht-
lichen Sinn. JJpsere Figur_muß als Gegenbild zu Caelus eine andere Bedeutung
gehabt haben.

Nun kennen wir diese auftauchende weibliche Gestalt, hinter der sich der Man-
tel in der den Naturgottheiten zukommenden velificatio™ bläht, noch von einer Reihe
anderer Denkmäler379, wo sie eindeutig Nyx_oderJSTox, die Göttin der Nacht, dar-
stellt. Sehr ähnlich wie auf diesen Denkmälern, allerdings in ganzer Gestalt, erscheint
sie im Pariser Psalter380 und ist durch die Beischrift Nyx bezeichnet. Ihr Mantel ist
mit Sternen besät. Vielleicht war durch die Bemalung auch bei den anderen Denk-
mälern die Bedeutung ursprünglich noch leichter zu erkennen.

Die Ähnlichkeit dieser Darstellungen der Nox mit unserer Figur ist so schlagend,
daß man auch sie als Göttin der Nacht bezeichnen möchte. Aber ergibt die Nacht
als Gegenbild zu Caelus im Zusammenhang der Sarkophagdekoration einen Sinn?

Hier fällt uns die Stelle der homerischen Nekyia ein, in der Odysseus von seiner
Ankunft in Kimmerien berichtet381:

376 Kahler, Die Augustusstatue von Primaporta (1959) mit Lit. Zuletzt: W. H. Gross,
NGG. 1959, 143 ff.

377 Roscher, ML. I 1 (1884/6) 1270 s. v. Eos (Rapp). E. Simon, RM. 64, 1957, 52ff.
hat die weibliche Gestalt, die von der Flügelgestalt auf dem Panzer des Augustus von
Primaporta, s. o. Anm. 376, getragen wird, überzeugend als Morgenstern gedeutet. Die
weitverbreitete Deutung dieser weiblichen Figur in der velificatio und mit der Fackel als
Aurora, auf Grund deren auch wohl Bartoccini zu seiner Deutung kommt, ist damit wider-
legt. Als Aurora ist vielmehr die tragende geflügelte Gestalt anzusprechen. Aurora erkennt
Cumont a. O. 78 in der Flügelgestalt vor dem Gespann des Sol auf dem Hochzeitssarkophag
in S. Lorenzo fuori le mura, ebd. Taf. 2, 2.

378 Curtius a. O. 27.

379 1. Relief des Hieronymus von Tlos aus Rhodos, ehem. Berlin, im Besitz Hillers
v. Gacrtringen: Hiller v. Gaertringen-Robert, Hermes 37, 1902, 121 ff. BrBr. 579 (Sauer).
Winter, KiB. 363, 5. A. Brückner, ÖJh. 13, 1910, 56. Reinach, RR. II (1912) 51, 4. Hiller
v. Gaertringen, BCH. 36, 1912, 236. Schweitzer, Jdl. 46, 1932, 200; GGA. 204, 1942,
163. A. v. Salis, Der Altar von Pergamon (1912) 112f. 137f. A. W. Lawrence, LaterGreek
Sculpture (1927) 118. Hanfmann, JHS. 65, 1945, 47. Curtius a. O. 20ff., bes. 28. Lippold,
HdArch. III 1, 361. Nilsson, HAW. V 2, 2 (19612) 22. — 2. Triumphbogen von Orange:
Esper. I (1907) 202. Reinach, RR. I (1912) 203, 2. Curtius a. O. 28. — 3. Trajanssäule
(zweimal): W. Froehner, La colonne trajane (1865) 12 Taf. 62. 81. C. Cichorius, Die Reliefs
der Trajanssäule II (1900) 187 Taf. 29. Reinach, RR. I (1912) 368, 15. Roscher, ML. III 1
(1897/1902) 575 Abb. 2 s. v. Nyx (Weizsäcker). K. Lehmann-Hartleben, Die Trajanssäule
(1926) Taf. 21. 38. Hamberg a. O. 118. 127. Curtius a. O. 28. — 4. Sarkophag Rom, Villa
Medici: Robert, SR. II Taf. 5 Nr. 11. Cagiano de Azevedo a. O. 68f. Nr. 43 (54) Taf. 28, 43.

380 O. Wulff, Altchristl. u. byz. Kunst II (1914) Taf. 21. H. Buchthal, The Miniatures
of the Paris Psalter (1938) Taf. 13.

381 Horn. Od. 11, 13 ff.
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