Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 74
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d. Tritonen

In den runden Giebeln an den Ecken sind sowohl auf der Vorder- als auch auf
I der Rückseite zur Mitte gewandte, einander sehr ähnlich gebildete Seekentauren
dargestellt (Taf. 8. 10. 16. 20), die in der einen Hand ein Steuerruder tragen. Sie bla-
sen auf langen gedrehten Muscheln, die sie mit der anderen Hand an den Mund füh-
ren, und geben sich so als Windgötter, und zwar, wie man auf Grund ihrer Vierzahl
S annehmen darf, als die Götter der vier Winde zu erkennen. Für die Erklärung der
symbolischen Bedeutung der Windgötter als Helfer, die die Seele auf ihrer Reise ins
Jenseits begleiten, hat Cumont in einem der schönsten Kapitel407 seines „magnificant
and monumental book"408 alles Wesentliche gesagt.

Als Tritonen sind diese muschelblasenden Winds-ötter aber auch mit dem Meer

O

verbunden. Auf die Symbolik der Meerwesen werden wir noch ausführlich ein-
gehen409.

e. Adler

In den gesprengten Giebeln an den Ecken sitzt je ein Adler mit ausgebreiteten
1 Schwingen (Taf. 2. 4). Haben die Karyatide und der Stier darunter ihre durch die
| Sarkophagarchitektur bedingte Funktion, so ist dies bei dem Adler nicht der Fall.
Ihn hier darzustellen war der freien Phantasie des Mannes überlassen, der das Dar-
stellungsprogramm des Sarkophags entworfen hat. Nur der Gesamtzusammenhang
konnte hindern, daß hier ein beliebiges Bild angebracht wurde.

Da sich nun für den Adler als Vogel der Apotheose410 eine sinnvolle Deutung
von selbst anbietet, wäre es methodisch falsch, die Adler in den Eckgiebeln für
dekorative Füllsel zu halten. Der Adler kehrt als Emblem auf den Antefixen der nach-
geahmten Dachziegel wieder, als dekorative Verwendung eines jedoch noch nicht
aller Sinnhaftigkeit entkleideten Symbols411.

f. Tierkampfgruppen und Sphingen

Auf den Giebelschrägen zu Seiten des Rundgiebels in der Mitte der Vorderseite
I ist jeweils eine Tierkampfgruppe angebracht, und zwar ein mächtiger Löwe, der einen
I Stier niedergerissen hat und ihm mit einem Biß das Genick bricht. Auf den übrigen

Giebelschrägen der Vorder- und der beiden Nebenseiten lagern Sphingen, insgesamt

acht (Taf. 1-4).

407 Cumont a. O. 146ff.; s. auch RE VII A 1 (1939) 245ff. s. v. Triton (Herter), bes.
274. 285 f.

408 Nock, AJA. 50, 1946, 140.

409 S. u. 133ff.

410 Cumont, Emdes syriennes (1917) 35ff., bes. 118ff. Deubner, RM. 27, 1912, 1 ff.
Cumont, Symbolisme 154. 162. 240. 336 f. 437. 458. O. Walter, ÖJh. 43, 1956, 103. Jukker,
Das Bildnis im Blätterkelch 138ff.; Jb. Bern. Hist. Mus. 39/40, 1959/60, 265ff.

411 Es soll nicht geleugnet werden, daß sinnvolle Motive auch sinnlos Verwendung
finden; doch darf man Sinnlosigkeit nie voraussetzen.
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