Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

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daß die meisten der 57 dargestellten Figuren aus dem Bilde herausschauen. Als
f pulpitum könnte man das von den Stieren an den Ecken und den Atlanten dazwischen
] getragene Gesims ansehen. Die scaenae frons wird von Karyatiden beziehungsweise
gedrehten Säulen gebildet, die das auch sonst bei römischen Theatern häufig im
1 Wechsel runder und dreieckiger Giebel gebildete Gebälk tragen. Besonders bei der
Vorderseite ist dieser Eindruck sehr stark, weil sich, außer in der Mitte, zwischen
den Karyatiden Türen befinden, wie sie auch an entsprechender Stelle bei den römi-
schen Bühnenfronten sich öffnen. Dort sind es meist drei Türen, die valva regia in der
Mitte und die beiden valvae hospitaliae rechts und links, doch sind auch Bühnen-
fronten mit fünf Türen (auf einer Linie!) nicht selten418. Als bedeutungsvoller Unter-
f schied bleibt, daß sich auf dem Sarkophag in der Mitte keine Tür befindet. Die gro-
I ßen Türen in den anderen Interkolumnien sind inhaltlich bedingt. Bei den mytholo-
gischen Szenen mit Protesilaus und Alkestis ist es eindeutig, daß sie das Tor des Hades
1 darstellen. Auch bei den verschlossenen Türen hinter Jupiter und Neptun (Taf. 6. 7)
' möchte man wegen der apotropäischen Gorgoneia an Hadestore denken, wodurch
angedeutet wird, daß die beiden himmlischen Götter sich außerhalb des durch eherne
Riegel verschlossenen Tartarus419 befinden. Wäre nun auch hinter dem Herrscher-
paar der Unterwelt, das sich ja zweifellos in derselben befindet, Türen dargestellt,
so wäre der Gedanke verunklärt. Wenn also bei der Fassadengliederung tatsächlich
an eine römische Bühnenfront gedacht wäre, so müßte man annehmen, daß die mitt-
| lere Tür dem übergeordneten Gedanken geopfert wurde, das Herrscherpaar Pluto
I und Proserpina in ihrem Palast zu zeigen.

Auf die Nachahmung einer römischen Bühne scheint hinzuweisen, daß die
nächste Parallele zum Dekorationssystem des umlaufenden untersten Streifens,
I Einzelszenen zwischen Atlanten, die das Gesims tragen, beim pulpitum eines römi-
! sehen Theaters, nämlich dem Phaidrosbema des Dionysostheaters in Athen, wieder-
kehrt420. Dieses Bema ist uns aber in einer Form überliefert, die nur unsichere
Schlüsse gestattet. Nach einer jedoch nicht mehr am ursprünglichen Ort befindlichen
Inschrift auf der obersten Stufe einer Treppe, die jetzt am Ostende des nur zur
Hälfte erhaltenen Bemas emporführt, wurde es von einem Archonten Phaidros wohl
im 3. Jh. n. Chr. errichtet. Dabei wurden Reliefs, von denen vier, und Silene, von
denen zwei erhalten sind, wiederverwendet, Skulpturen aus der Mitte des 2. Jhs.
n. Chr., über deren ursprüngliche Anordnung sich nichts ermitteln ließ421. Das an

scaenae frons und überschneiden die Säulen der Fassadenarchitektur, bleiben nicht, wie auf
dem Sarkophag, innerhalb der Ädikulen. Auf der Rückseite des Sarkophags, wo der bühnen-
mäßige Charakter wegen der fehlenden Türen sowieso weniger deutlich ist, liegt die
Amazone sogar hinter einer Karyatide, was natürlich bei einer Bühnenfront nicht vor-
kommen könnte. Auf die Ähnlichkeit der Sarkophagdekoration mit einer römischen
scaenae frons ist schon bei Bartoccini a. O. 185 f. hingewiesen.

418 Bieber a. O. 373. Beispiele: Pompeji, Palmyra, Ephesos, Aizanoi, Sagalassos,
Termessos, Aspendos.

419 Vgl. u. 86.

420 E. Fiechter, Das Dionysostheater in Athen I (1935) 41 ff. Bieber a. O. 215.

421 R. Herbig, Das Dionysostheater von Athen II (1935) 14ff.
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