Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 79
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Wenden wir nach diesem Exkurs unsere Aufmerksamkeit wieder dem Sarko-
phag zu, so scheint es nicht ausgeschlossen, daß in dem Dekorationssystem bewußt
eine römische Bühne440 nachgeahmt ist, auf der sich die auf Leben und Sterben des
Menschen bezogenen allegorischen Mythen abspielen wie das Leben des Menschen
auf der cxtjvyj toü ß[ou. Aber es muß gesagt werden, daß dieser Zusammenhang
ungewiß ist. Wie wir am Beispiel der pompejanischen Wandmalerei sehen, kam eine
Fassadengliederung nach Art der römischen scaetiae frons dem ästhetischen Gefühl
des Menschen der Kaiserzeit entgegen, wie denn überhaupt in der Antike vom
5. Jh. v. Chr. an eine Verwandtschaft zwischen der Wandmalerei und dem ,Schaubild'
im Theater bestand441.

C. Das ikonographische Programm des Sarkophags

1. Bildliche Adaptation des Gedankenguts

Das Dekorationsschema des Sarkophags war vorgegeben, als die Bilder verteilt
wurden, und mußte bei ihrer Anordnung berücksichtigt werden. Es ergeben sich
Bildfelder verschiedener Größe und Form, die sich nicht alle in gleicher Weise zur
\ Aufnahme szenischer Bilder eignen, nämlich langrechteckige und hochrechteckige
r Felder, eckige und runde Tympana, Zwickel und Giebelschrägen. Der darzustellende
Stoff mußte also in verschiedener Weise künstlerisch adaptiert werden.

So sehen wir zum Beispiel auf der rechten Nebenseite des Sarkophags442 die
aufeinander bezogenen Gedanken in verschiedenartigen Bildern dargestellt. Im lang-
| rechteckigen unteren Streifen ist friesartig ein Opferzug wiedergegeben, in den
I ädikulaartigen Feldern der mittleren Zone sehen wir festgefügte Figurengruppen, im

History of the Greek and Roman Theater (19612) 162 Abb. 588. Tragödienszene im Co-
lumbarium der Villa Pamphili: Bendinelli, Le pitture del colombario di Villa Pamphili
(1941). Rom, Lateran, Grabmalerei aus Ostia: Heibig3 Nr. 1237. Nogara, Le nozze Aldo-
brandine Taf. 45 a. Rumpf, HdArch. IV 1, 192 Anm. 6.

440 Auf dem eigentümlichen und einzigartigen Marmorrelief im Thermenmuseum,
das ein Bühnenmodell wiedergibt: Bieber, Denkmäler zum Theaterwesen 76 Nr. 22;
History of the Greek and Roman Theater 182 Abb. 634. Photo DAI-Rom 6179. Matz,
Meisterwerk 56 Anm. 43 finden sich auf dem breiten Rand des Bühnendachs kniende
Eroten, die Girlanden tragen, was Bieber, Denkmäler 76 zu der Bemerkung veranlaßt:
„Man kann sich also die Dächer über den römischen Spielplätzen ähnlich geschmückt
denken." Die Parallele zu unserem Sarkophag ist bemerkenswert.

441 G. v. Cube, Die röm. „Scaenae Frons" in den pompejan. Wandbildern 4. Stils
(1906) 28 ff. H. G. Beyen, Die pompeianische Wanddekoration vom 2. bis zum 4. Stil I
(1938) 352; vgl. dazu Schefold, Pompejanische Malerei (1952) 162: „Wir sahen, daß eine
tiefere Verwandtschaft Bühne und Wandmalerei verbindet: die Aufgabe, dem Leben einen
feierlichen, mythischen Rahmen zu geben."

442 S. o. 65 ff.
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