Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 83
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Die Stierprotomen an den Ecken des Velletrisarkophags haben die gleiche
tragende Funktion wie die Atlanten und die Karyatiden, denen schwerlich ein
symbolischer Sinn beigegeben ist.

Trotz der vielschichtigen religiösen Bedeutung des Stieres452, der als Tier der
Stärke und der Fruchtbarkeit und als vorzügliches Opfertier mit dem Totenkult
verbunden werden kann, muß man also auch hier nicht unbedingt an eine symboli-
sche Verwendung denken. Sie ist nicht ausgeschlossen, aber auch schwerlich beweis-
bar, da der Stier aus der Tradition heraus als tragendes Architekturglied genügend
erklärt ist. Wäre der Stier nicht in dieser äußerlichen Funktion, sondern als reines
Bild verwendet, so müßte man sich um eine dem Gesamtzusammenhang kohärente
Erklärung des Stierbildes bemühen. Man könnte auf die Bedeutung hinweisen, die
der Stier als Fruchtbarkeitssymbol im Mithraskult angenommen hat453. Aber jede
primitive Symbolik der Fruchtbarkeit als einer Garantie des ewigen Lebens, die in
den Bildern des Eies, des Granatapfels, des Phallos dem Totenkult der gesamten
Antike geläufig ist, fehlt auf unserem Sarkophag. Auf ihm sind nur gedankliche
Bilder ohne jede magische Beimischung vertreten. Man möchte sich daher beim
Stier gern mit der Bedeutung als Architekturträger begnügen.

Kaum anders ist es mit den langgewandeten weiblichen Gestalten, die über den
| Stieren in den Eckädikulen erscheinen. Sie tragen das Gebälk nur mit dem Kopf,
| haben die Arme gesenkt und heben das Kleid mit einer Hand an. Die rechte Eckfigur
j der Vorderseite trägt in der gesenkten Linken eine Schale, wie nach Ausweis neu-
j gefundener römischer Kopien454 auch die Karyatiden der Korenhalle sie trugen. Zu
einem früheren Zeitpunkt war ich geneigt, in ihnen Viktorien zu erkennen, wie sie
häufig als Eckfiguren von Sarkophagen455 begegnen. Ich glaubte, am Rücken der
Mädchen die Spuren von Flügeln erkennen zu können, die durch die an den Ecken
besonders starke Korrosion völlig zerstört sind. Bei erneuter gründlicher Unter-
suchung mußte ich aber einsehen, daß diese Mädchen niemals Flügel hatten. Auch
die naheliegende Erklärung der Mädchen als Hören zur Bezeichnung der vier Jahres-
zeiten findet keine Stütze in irgendwelchen Attributen, die bei solchen vorauszu-
setzen wären. Es sind also in den Mädchen die gleichen Karyatiden zu erkennen wie
in den übrigen, die auf den Langseiten das Gebälk tragen, wie sie ähnlich besonders
auf frühen griechischen Sarkophagen begegnen456.

2. Sinngehalt

Der Sarkophag wurde bisher nur in seinen Einzelheiten und seinem Aufbau
zu erklären versucht. Es hat sich im Lauf der Untersuchung aber immer deutlicher

4M RE. III A 2 (1929) 2495 ff. s. v. Stier (Orth).

453 F. Saxl, Mithras (1931) 57ff.

454 Giglioli, RM. 62, 1955,155ff. Aurigemma, Bd'A. 39, 1954, 344 Abb. 10ff. Andreae
a. O. 318ff. Abb. 102f.

455 J. Bovio, BullCom. 52, 1925, 161 ff.

456 Ebd. 153 ff.
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