Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 86
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Die Vorstellung von der Einteilung der Welt in zwei Halbkugeln, deren eine
| den himmlischen, die andere den unterirdischen Göttern als Los anheimfiel, ist in
I der Gegenüberstellung von Caelus mit Sol und Luna und Nox mit den Gorgoneia
I angedeutet.

Die himmlischen und die unterirdischen Götter erscheinen auf dem Sarkophag
zwar nebeneinander, worin sich der Gedanke äußert: ßaatAsioc IIXoütojvcx; o\)j_ t^ttco
Tvj? tou Aio? aüX-?j?460; aber die himmlischen Götter stehen außerhalb von Plutos
Reich, dessen 7rpo7ruXa... giStjooii; yJkz'i&poic; xal xXsialv w^upcoxai.461.

Wem sich diese öffnen, der muß über Kokytos und Acheron schiffen, wie auf
dem Sarkophag Charons Schiff die Abgeschiedenen hinüberfährt. Im Jenseits
werden sie vor Gericht gestellt — auf dem Sarkophag erscheint das Herrscherpaar
der Unterwelt selbst auf Richterthronen — und werden nach ihren Taten entweder
zum Elysium oder Tartaros gewiesen: "oaoiq ji.ev oöv sv tw £y)v SatjjLwv aya&o?
ETO7tv£Uff£v, ziq tov twv eüceßwv x^pov oba^ovTGa, sv-9-a äcp&ovot, [xev d>pai TOy.yxapuou
yovvjt; ßpuouat., 7T7]yal Se üSoctcov xaS-apwv peouai, TravTolo §£ Xs:t,[i.wvE<; av&scri 7rotxiXoi.c;
saptE^o^evoL Siarpißal Ss cpiXotrocpcov xal frsaTpa 7ioi7)TÜv xal xuxXiol X°P0^ xaL i^ouaixa
axoua[xaTa, cup.7t6o"!.a te eu^eXt] xal sEXa7uva!. ai>ToxopY)y7]TOt. xai axrjpa-roc; aXuraa
xal Treloc Siaixoc462. Wer diese vom guten Geist Gelenkten sind, erläutert der Sar-
kophag mit seinen Bildern der pietas (lateinisches Äquivalent von Eiio-sßEia) erga deos
et homines.

Der EÜcreßcöv %wpo? wird wie auf dem Sarkophag als ein von Früchten strotzen-
der Garten vorgestellt, dessen Schilderung in dem philosophischen Text natürlich
ausführlicher sein kann als auf dem Sarkophag, wo das Bild jedoch — wenn auch in
abgekürzter Form — das gleiche ist. Selbst die xuxXiol x°P0^ der Seligen klingen
in der tänzerischen Haltung der beiden Mädchen zu Seiten des Blütenbaumes an.
ogoiq Se to £yjv Sia xaxoupy7](i.aTa>v yjXaxb], ayovTai izpbc, 'Epivuwv etc' s'psßoi; xai. X1*0?
8ta Tapxapou, ev&a X^P0? a-o-sßcov xai AavatSwv üSpEia äteXeii; xai. TavTaXou SIi{jo<;...
xal Siaucpou TOxpo? ävyjvuTO?, o5 to Tsptxaxa aüahc; apxsTOi 7rovcov463. Die Frevler
sind auf dem Sarkophag durch die Giganten symbolisiert, der Tartaros durch die
gleichen heroischen Büßergestalten wie in dem Dialog.

So kann der Text dieses Dialoges gewissermaßen als Erläuterung des Sarkophags
dienen, nicht, als ob das Programm des Sarkophags auf den Axiochos zurückginge,
obgleich es natürlich nicht ausgeschlossen ist, daß der Gebildete, der das Programm
entworfen hat, ihn kannte464. Immerhin ist die Übereinstimmung der weltanschau-
lichen Grundhaltung, die aus beiden Werken, dem philosophischen Traktat und dem
von Gedanken überladenen Denkmal spricht, erstaunlich. Kehrt doch auch der erste

460 Ebd. 371 A.

461 Ebd. 371 B.

462 Ebd. 371 C. D.

463 Ebd. 371 E.

464 Über die Beliebtheit des Axiochos in der späteren Antike vgl. Brinkmann, RhMus.
51, 1896, 442.
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