Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 90
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Bereits Canina10 hatte versucht, das Grab in seiner Gesamtheit zu rekonstruieren,
aber abgesehen davon, daß er die Seitenverkehrung der Bilder nicht aufgehoben und
Bartolis Stiche auch nur sehr summarisch wiedergegeben hat, sind ihm drei grund-
sätzliche störende Fehler unterlaufen: erstens hat er nicht beachtet, daß Bartoli die
Decke des Grabes (liier Taf. 62) nicht vollständig gezeichnet hat; zweitens hat er die
Decke umgedreht, das heißt, die an die Rückwand anstoßende Seite hat er über die
Eingangswand gelegt und umgekehrt; drittens hat er die Bilder weitgehend nach Be-
lieben auf die Nischen oder Metopen verteilt. Er gibt in seiner Rekonstruktion auch
nur die Rückwand und die linke Seitenwand. Die Rekonstruktion ist also wertlos.

Michaelis11 hatte es dann unternommen, eine Vorstellung von der ursprünglichen
Wirkung der Bilder zu geben, indem er die Tafeln Bartolis seitenverkehrt abbildete,
allerdings in einer sowohl der Anordnung bei Bartoli-Bellori als auch dem Befund im
Grab widersprechenden Reihenfolge.

Einen bedeutenden Fortschritt in der Beurteilung des Grabes, ja überhaupt die
Grundlage einer wissenschaftlichen Erforschung stellte die oben erwähnte Wieder-
auffindung des Hypogäums an der Via Flaminia durch Rodenwaldt dar, die er noch
durch die Publikation von sechs im Britischen Museum aufbewahrten Freskenresten
ergänzte, die aus diesem Grabe stammen. Zu einer unbestimmten Zeit wurden sie aus
dessen Wänden herausgeschnitten und 1883 für das Britische Museum erworben, da
G. Richmond sie als zugehörig zum Nasoniergrab erkannt hatte12.

Als Hilfsmittel, das Grab kennenzulernen, stehen also zur Verfügung: 1. die
Reste des Hypogäums an der Via Flaminia; 2. die sechs Malereireste im Britischen
Museum; 3. die Zeichnungen und Stiche Bartolis.

Die Gemälde im Britischen Museum hat Rodenwaldt13 untersucht und stilistisch
in antoninische Zeit eingeordnet. Die von ihm geplante Untersuchung des Grabes
selbst hat er nicht mehr durchführen können, obgleich er den Plan nie aufgegeben
und sogar seine Doktoranden dafür zu interessieren versucht hat; aber die Ungunst
der Zeit ließ eine Verwirklichung dieser Pläne nicht zu.

So hat erst Fink im Jahre 1953 das Grab selbst untersucht und die Bilder, soweit
er ihren Ort im Grab feststellen zu können glaubte, in der richtigen Reihenfolge zu-
sammengestellt. Fink, dessen Verdienste um die Erforschung des Nasoniergrabs
keineswegs bestritten werden sollen, hat sich allerdings den Weg zu einer richtigen
Verwendung der Stiche Bartolis für eine Rekonstruktion des Grabes selbst verbaut,
weil er zu sehen glaubte, daß Bartoli die Reihenfolge der Bilder willkürlich vertauscht
habe, „so daß sich ein Versuch, durch Zerschneiden der Zeichnungen Bartolis Ord-
nung in die heillose Verwirrung zu bringen, nicht durchführen ließe."14 Wenn die Be-
hauptung zuträfe, daß Bartoli-Bellori nachweislich wenigstens vier Bilder nicht an
der richtigen Stelle im Grab wiedergegeben hätten, dann könnte man sich dieser ent-

10 Canina a. O. IV Taf. 279.

11 Michaelis a. O. Beil. 1-4.

12 C. T. Newton, AZ. 42, 1884, 143. Brit. Mus. Cat., Hinks, Paintings 48.

13 Rodenwaldt a. O. 1 ff.

14 Fink a. O. 59.
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