Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 98
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0105
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
98

Wie man aus dem Plan ersehen kann, waren die Nischen in zwei Absätzen in die
Wand vertieft, und zwar ist der äußere Rahmen der Nischen, die in Wirklichkeit sehr
unregelmäßig gearbeitet sind, durch einen flachen Bogen überwölbt und mit einer
aus Stuck plastisch aufgesetzten Randleiste in Form eines Astragals versehen, wie es
Tafel 3 (hier Taf. 45, 2) zeigt. Die Leibung der aufgehenden Wand war, soweit man
heute noch erkennen kann, schmucklos, die des gewölbten Teils war auf beiden
Seiten mit rechteckigen Rahmenbildern über dem Gewölbeansatz geschmückt, in
denen fliegende Eroten dargestellt waren31. Zwischen diesen Rahmenbildern war eine
Girlande aufgemalt. In die gerade Rückwand des vorderen Nischenteils sind die ein
wenig niedrigeren Nischen in Form einer Viertelskugel eingeschnitten, welche die
etwa lebensgroßen mythologischen Figuren trugen, deren unterer Teil durch die
später in den Nischen angebrachten Grabstellen zerstört wurde. Der über den Rund-
nischen noch erhaltene schmale Streifen der Rückwand des vorderen Nischenteils ist
durch eine Girlande in einem gerahmten, dem Umriß dieses Wandteils folgenden
Feld geschmückt.

Auf Tafel 3 hat Bartoli das Dekorationssystem der Längswände dargestellt, und
zwar hat er, wie es die Architekten und Zeichner der Renaissance und der Barockzeit
häufig taten, nur die Hälfte des Wandsystems gezeichnet, da man sich in Gedanken
die ganze Wand durch spiegelbildliche Verdoppelung leicht ergänzen konnte. Die
Art, in der diese Wandhälfte gestochen ist, gestattet eine aufschlußreiche Bemerkung
über Bartolis Arbeitsweise. Es handelt sich bei dem Stich um eine rechte Wandhälfte.
Nach den darin dargestellten Bildern zu urteilen und auf Grund eines Vergleichs mit
dem Befund im Grab können wir sagen, daß es die rechte Hälfte der linken Wand ist.
Auffällig ist nun, daß die einzelnen Bilder in dieser Wandhälfte zwar seitenverkehrt
erscheinen, das Wandsystem aber seitenrichtig, und daß alle Bilder auch in der richti-
gen Reihenfolge am richtigen Ort wiedergegeben sind. Es kam Bartoli also offen-
sichtlich darauf an, das System der Wanddekoration und die Verteilung der Bilder
richtig wiederzugeben, wohingegen ihm weniger daran gelegen war, daß die einzel-
nen Bilder seitenverkehrt erschienen. Denn hätte Bartoli das Wandsystem so, wie er
es vor sich hatte, ohne Spiegel gestochen, wie er es übrigens bei den anderen Bildern
getan hat, dann hätte sich im Druck nicht eine rechte, sondern eine linke Wandhälfte
ergeben müssen. Das aber wollte Bartoli offenbar nicht, weil dann die Einzelbilder
nicht mehr am richtigen Ort erschienen wären. Ein solches Vorgehen spricht gegen
die von Fink angenommene willkürliche Vertauschung der Bilder32. Wir bemerken
vielmehr bei Bartoli das Bemühen, die Dekoration des Grabes trotz kleiner Ab-
weichungen, auf die wir noch zu sprechen kommen, im ganzen getreu darzustellen,
ein Bemühen, das sich auch darin zeigt, daß er die Zerstörungen angab, die das Grab
schon bei der Entdeckung aufwies, und daß er die zerstörten oder beschädigten Bilder
nicht willkürlich ergänzte.

Allerdings erlaubt sich Bartoli dort, wo ihm der Eindruck des Ganzen nicht allzu

31 Fink a. O. 64 Taf. 22, 1.

32 S. u. 90. 99.
loading ...