Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 101
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IOI

und Treue walten lassen. Die Übereinstimmung und die Abweichungen bei Bartolis
Tafel 12 (hier Taf. 53, 1) von dem im Britischen Museum aufbewahrten Reste des
dritten Metopenbildes der rechten Seite (Taf. 53, 2) hat Rodenwaldt38 ausführlich
dargelegt. Am bemerkenswertesten ist die Hinzufügung der Landschaftselemente
durch Bartoli. Abgesehen davon kann man aber eine erstaunliche Treue in der Wieder-
gabe der Motive konstatieren. Ich glaube deshalb, daß auch der Hermes, der in
Bartolis Stich das Gespann anführt, zu der ursprünglichen Komposition gehört, zu-
mal das Londoner Bild nur in einer Länge von 0,98 m erhalten ist gegenüber der
durchschnittlichen Länge der übrigen Metopenbilder von über 1,40 m. Auch der An-
satz des vom linken äußeren Gespannpferd zu einem vorauseilenden Gespannführer
hinlaufende Handseil ist nicht anders zu erklären, als durch die Annahme des in den
Darstellungen des Proserpinaraubs gewöhnlich vorauseilenden Hermes.

Merkwürdig, wenn auch bei einer solchen Fülle von Bildern durchaus verständ-
lich, ist die unbestreitbare Tatsache, daß die Reihenfolge der beiden nächsten Bilder
Tafel 13 (hier Taf. 55, 1) und Tafel 14 (hier Taf. 54, 1) bei Bartoli-Bellori vertauscht
ist. Dem an das Proserpinabild anschließenden, von Bartoli auf Tafel 14 wiedergege-
benen Bild hat Fink39 eine ausführlichere Untersuchung gewidmet, der ich allerdings
nur teilweise folgen kann. Fink hat schon den erstaunlichen Grad der Treue in der
Wiedergabe des Landschaftlichen bei diesem Bild hervorgehoben. Bartoli wird auch
sonst das Bild im wesentlichen richtig wiedergegeben haben. Allerdings ist das, was
in dem Stich wie ein seichter Teich erscheint, gewiß eine Wiese. Auch dürfte der, wie
Fink40 gezeigt hat, als typischer Jäger dargestellte kurzgewandete Mann nicht einen
Caduceus in der Linken getragen haben. Zum Verständnis des Bildes kommt es darauf
an zu erkennen, welche Tiere hier gemeint sind. Bartoli zeichnet sie wie Wildesel,
und die langen Ohren des linken weidenden Tieres, die man im Grab (Taf. 54,2) noch
gut erkennen kann, scheinen ihm recht zu geben. Wildesel wurden in der Antike be-
sonders gern gefangen und zu Zirkusspielen verwendet41. Nun hat Fink42 schon
richtig erkannt, daß es sich bei dem Reihengebilde im Gestrüpp links um einen Lat-
tenzaun handelt. Man braucht dann nur noch das von Bartoli wie ein Schwein ge-
zeichnete, von Fink für ein Rhinozeros gehaltene Tier, das von oben herabkommt,
als einen Hund zu erkennen, und schon ordnet sich das Bild in die Reihe der Tierfang-
bilder ein, von denen nicht weniger als fünf weitere43 in dem Grab begegnen. Doch
damit haben wir der Erklärung schon vorgegriffen, was in diesem Fall tunlich schien,

38 Rodenwaldt a. O. 4 ff.

39 Fink a. O. 66 f.

40 Ebd. 66.

41 RE. IX 1 (1914) 593 s. v. Jagd (Orth). Wildesel finden sich besonders häufig auf
den Löwensarkophagen des 3. Jhs. n. Chr., wo bisweilen der hinter der Tierkampfgruppc
erscheinende bestiarius oder venator zeigt, daß es sich um eine Zirkusszene handelt. Vgl.
U. Scerrato, ArchClass. 4, 1952, 259ff. Taf. 61, 3. 63. 67, 3. Wildesel begegnen auch unter
den Tierhatzszenen auf dem Deckel des Schlachtsarkophags im Konservatorenpalast:
D. Mustilli, II Mus. Mussolini (1939) 100ff. Nr. 8 Taf. 60.

42 Fink a. O. 66.

43 Taf. 56. 63, 2. 64, 1. 2. 66, 1.
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