Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 104
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über dem Befund im Grabe miteinander vertauscht. Diese eigentümliche auf den
ersten Blick verwirrend und willkürlich erscheinende Art der Bildanordnung enthält
aber doch so viel Methode, daß man sie gewiß nur aus der Verfahrensweise des Zeich-
ners erklären kann. Der Zeichner hatte bei seinem Vorhaben, den überreichen Bild-
schmuck dieses Grabes in einzelne Tafeln zerlegt wiederzugeben, besonders mit der
Schwierigkeit der Seitenverkehrung zu kämpfen, die sich ergab, wenn die gestoche-
nen Platten gedruckt wurden, die sich aber in anderer Weise schon einstellte, als er
die über dem Betrachter befindliche Decke des Grabes gleichsam auf den Boden legte.

Wir stoßen bei unserem Versuch, Bartolis Tafel 21 (hier Taf. 62) für eine Wieder-
herstellung des ursprünglichen Zustandes der Decke zu verwenden, auf das gleiche
Problem wie bei Tafel 3 (hier Taf. 45, 2), welche auch nicht ein Einzelbild, sondern
einen Ausschnitt aus dem Dekorationssystem darstellt. Auch hier sind die Bilder zwar
seitenverkehrt, aber innerhalb des Systems doch an ihrer dem Grab entsprechenden
Stelle angeordnet, so, als ob die Anordnung der Bilder bereits auf die Umkehrung des
Stichs im Druck Rücksicht nähme und sie aufheben sollte. Es ist daher nicht möglich,
allein durch eine seitenverkehrte Kopie von Bartolis Tafel 21 den ursprünglichen
Zustand der Decke wieder herzustellen, man muß außerdem noch wenigstens die
Rechteckfelder der hinteren Deckenlamelle, die beiden hinteren diagonal gestellten
Eckfelder und gewiß auch die über ihnen angeordneten und deshalb nicht von ihnen
zu trennenden Tierfangbilder miteinander vertauschen. Daß diese Vertauschung not-
wendig ist, wird durch die Feststellung, daß das Parisurteil im Grabe rechts seinen
Platz hat und durch die oben erwähnte Identifizierung des im Grabe über der Europa-
metope erhaltenen Mädchens mit dem Mädchen von Bartolis Tafel 2248 (hier Taf.
63, 2) erwiesen. Daß dann aber mit größter Wahrscheinlichkeit die ursprüngliche
Anordnung der Bilder richtig getroffen ist, geht aus folgender Überlegung hervor:
Bartoli hat zwar sowohl die Einzelbilder als auch die Ausschnitte aus dem Deko-
rationssystem gewiß im Grabe selbst gezeichnet, die Einfügung der Einzelbilder in
das System der halben Wand und der Decke aber offenbar in seinem Atelier vor-
genommen. Wenn man nun die einzelnen Tafelnummern in ein Diagramm des
gesamten Dekorationssystems des Grabes einträgt, muß sich ergeben, ob er dabei in
planvoller Weise oder, was von vorneherein wenig wahrscheinlich ist, wahllos vor-
gegangen ist (Abb. 8).

Das Ergebnis ist aufschlußreich. Wo wir es nachprüfen können, hat Bartoli bei
der Anordnung seiner Bilder zuerst jeweils das Mittelbild gesetzt und dann eine
Reihenfolge von rechts nach links eingehalten. So beginnt er mit der Rückwandnische
und schließt daran zuerst die Nischen der rechten und dann die der linken Seitenwand
an, jeweils vom Eingang aus zur Rückwand fortschreitend. Ebenso ging er mit den
zu seiner Zeit noch erhaltenen Metopen des oberen Frieses vor, wo er zuerst die der
rechten, dann die der linken Wand vom Eingang ausgehend wiedergibt und schließ-
lich die beiden Rechteckbilder der Rückwand ebenfalls in der Reihenfolge von rechts
nach links. Es folgt dann die Decke, wo er auch jeweils zuerst ein etwaiges Mittelbild

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