Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 110
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stört würde. Nun ist an die schon früher58 gemachte Feststellung zu erinnern, daß
die im Grabe begegnenden Kreisbögen offenbar immer einen Radius von etwa 3 Fuß
Länge haben. Drei Fuß sind aber der zehnte Teil der Gesamtlänge des Grabes, das
heißt, man könnte die Gesamtlänge des Grabes durch fünf Halbkreise mit einem
Radius von drei Fuß Länge in fünf gleiche Teile teilen.

Wir möchten daher als Arbeitshypothese die Vermutung aufstellen, daß die be-
trachteten Stücke von Kreisbögen Reste von Konstruktionshalbkreisen sind, die in
der Mitte der Seiten des Mittelquadrats der Decke als Lünetten erscheinen, in dessen
Ecken und in den Seitenlamellen aber von den dort befindlichen Bildfeldern gleich-
sam überdeckt werden. Wie man sich das zu denken hat, möge eine Konstruktions-
skizze des gesamten Dekorationssystems des Nasoniergrabs verdeutlichen (Abb. 9).
Die Gesamtlänge der Decke des zu schmückenden Grabes von 30 Fuß wird zunächst
mit dem Zirkel mit Hilfe von fünf Konstruktionshalbkreisen in fünf gleiche Abschnit-
te von je 6 Fuß Länge eingeteilt. Die Seitenlänge des Mittelquadrates ist gleich der
Länge der Durchmesser von drei solchen Konstruktionshalbkreisen, die Breite der
Seitenlamellen beträgt hingegen nur je einen Durchmesser. Die Rahmenstreifen der
diagonal gestellten Felder in den Ecken des Mittelquadrates nehmen von den Mittel-
punkten der Konstruktionshalbkreise ihren Ausgang, von denen die nicht überdeck-
ten Stücke noch sichtbar sind. Man könnte sich nun vorstellen, daß die seitlichen
Felderumrahmungen in gestrichelten Linien bis zur Mitte fortgesetzt wurden, wie
wir es in unserer Konstruktionsskizze vorgeschlagen haben, und so zur Konstruktion
des Mitteltondos und des Zwölfecks, das dieses umgibt, gedient haben. Da die Mitte
des Grabgewölbes aber nicht erhalten ist, kann man dies nicht mehr nachprüfen. Hin-
gegen dürfen wir annehmen, daß die Verbindungslinien der Mittellünetten, die sich
zu einem schräg gestellten Quadrat ergänzen lassen, tangential an die Konstruktions-
halbkreise angelegt und so in ihrem geometrischen Ort bestimmt sind.

Die Einteilung der oberen Wandzone in fünf Metopen mit Hilfe von vier zwi-
schen sie eingeschobenen Ädikulen ist mit der Fünfteilung der Gesamtlänge des
Grabes zu erklären. Denn wenn unsere Hypothese zu recht besteht, dann muß jeder
Abschnitt des Frieses einem Konstruktionshalbkreis entsprechen. Nun beträgt die
Länge einer Metope + Ädikula in der Tat 1,80 m oder 6 Fuß = 1,776 m, wobei, wie
wir oben59 gesehen haben, die Metopen 7 bis 8 cm kürzer sind als 5 Fuß und die
Ädikulen etwas schmaler als 1 % Fuß, nämlich nur etwa 0,40 cm statt 0,444 cm. Da
auf den ganzen Fries fünf Metopen und nur vier Ädikulen entfallen, was bei exakter
Berechnung nur etwas mehr als 28% Fuß ausmachen würde, mußte man ab- und
zugeben und mußte auch an den beiden Rändern noch je einen Streifen von den
äußersten Metopen abtrennen, der den Fries abschloß.

So scheint jede Metope einem der supponierten Konstruktionshalbkreise zu ent-
sprechen, wobei die Ädikulen im Verhältnis zu den Konstruktionshalbkreisen so
angeordnet werden, daß alle Metopen etwa die gleiche Länge erhalten. Deshalb ent-
fallen auch die Ädikulen am Rande, beziehungsweise sie werden auf einen schmalen

58 S. o. 95.

59 S. o. 94.
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