Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 111
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0118
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
III

Streifen reduziert; die äußeren Ädikulen hingegen sind an den Schnittpunkt des
Konstruktionshalbkreises mit der Oberkante der Wand angelegt, während die beiden
inneren Ädikulen ein wenig zur Mitte hin verschoben sind, um den Längenunter-
schied auszugleichen.

Natürlich zeigt sich auch hier wieder, dass das Dekorationssystem nicht auf
Bruchteile von Fuß genau auf die Wand übertragen wurde. Auch in der Frieseintei-
lung ist die allgemeine Ungenauigkeit der Aufschnürung festzustellen. Das ändert
aber nichts daran, daß offenbar eine geometrische Konstruktion als Grundlage für
das Dekorationssystem diente. Durch deren Annahme wird das Verhältnis von Wand-
und Deckenschmuck erst verständlich, denn das Prinzip dieser Wand- und Decken-
gliederung ist das der Drei- und Fünfteilung, wobei der untere Wandteil die Dreier-
gliederung und der obere Wandteil die Fünfergliederung rein vertreten, während die
Decke die Drei- und Fünfteilung verbindet, indem sie aus drei Teilen besteht, der
mittlere Teil jedoch dreimal so breit ist wie jeder der beiden seitlichen, so daß sich
auch in der Deckengliederung die Fünfzahl findet. Die obere Wandzone, die durch
das schwere Kranzgesims von dem unteren Wandteil abgetrennt ist und mit einer
leichten Schrägneigung zum Gewölbe überleitet, erhält die Funktion, zwischen der
Dekoration der Wand und der des Gewölbes zu vermitteln.

Durch die Annahme der hypothetischen Konstruktion wird erkennbar, auf
welche Weise das ganze System dieser Grabdekoration seine harmonische Wirkung
erhält, da es auf einen Modulus bezogen ist, den wir im Radius des Konstruktions-
halbkreises r = 3 Fuß gefunden zu haben glauben. Proportio est rataepartis membroriim
in omni opere totiusque commodulatio, ex qua ratio efficitur sywmetriarum60. So hat Vitruv
das Problem definiert, und wir können diese Definition wörtlich zur Bezeichnung des
inneren proportionalen Zusammenhangs bei dem im Nasoniergrab gegebenen Deko-
rationssystem heranziehen. Denn dieses scheint aus einem einzigen Grundmaß ent-
wickelt zu sein, das in allen seinen Gliedern wirksam ist.

B. Zeitstellung des Grabschmucks
1. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen zum Dekorationsschema.

Ein besonderes Problem dieser Grabdekoration bietet die Frage nach der Ent-
wicklungsgeschichte des Gewölbeschmucktypus. Dadurch, daß der quadratische
Mittelteil des Tonnengewölbes mit einem diagonal betonten Liniensystem verziert
ist, während in den seitlichen Lamellen strenge Rechtwinkligkeit herrscht, ergibt sich
der Eindruck, als ob sich in der Mitte des Grabes eine Kuppel erhöbe. Dieser Ein-
druck wird noch verstärkt durch den Mitteltondo mit dem Pegasus, der wie das offene
Lucernar einer Kuppel wirkt — das berühmteste Beispiel bietet das Pantheon61 —,
durch das sich das Flügelpferd in den freien Himmel schwingt.

60 Vitt. 3, 1.

61 v. Matt-Andreae, Architektur im antiken Rom (1958) Taf. 24.
loading ...