Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 113
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Daneben aber zeigt sich bald eine folgenreiche Abwandlung des regelmäßigen
netzartigen Koordinatensystems der Kassettendecke, die nun keinen statischen Not-
wendigkeiten unterworfen ist und daher der Phantasie freien Spielraum läßt. Zunächst
werden mehrere Kassetten an hervorgehobener Stelle zu einem größeren Feld zu-
sammengefaßt, das einen besonderen bildlichen Schmuck aufnehmen kann, wofür
das Stuckgewölbe im Tepidarium der augusteischen Forumsthermen in Pompei69, die
nach Cabott gezeichneten Stuckgewölbe bei Ronczewski70 oder das Durchgangsge-
wölbe des Titusbogens71 Beispiele sind. Unter den Grabbauten zeigt diese Art be-
sonders deutlich jenes nur in einer Zeichnung des Pighianus bekannte Grabgewölbe72,
das daher nur schwer zu datieren ist, aber doch wohl erst in der späteren Kaiserzeit
entstanden sein kann. Nur ein seitlicher Abschnitt der dreifach gegliederten Decke
ist in der Zeichnung ganz ausgeführt. Man erkennt die im Original wohl mit plasti-
schem Stuckrahmen (lesbischem Kymation) versehenen Kassetten, die abwechselnd
mit Rosetten, Tieren (Greifen, Löwen, Panthern, Stieren, Eseln) oder Amoretten ge-
füllt sind. In dem Mittelstück und dem anderen seitlichen Abschnitt sind nur die Tiere
und die Amoretten in den entsprechenden Abständen angegeben. Die Rahmenleisten
und die Rosetten sind fortgelassen, aber die ursprüngliche Gestaltung der Decke wird
doch deutlich (Abb. 10). Die Breite der Decke war in zehn Kassetten eingeteilt, die
Länge in zwanzig, von denen je acht auf die beiden seitlichen und vier auf den mittleren
Abschnitt entfielen. Die Kassetten laufen aber in der Längsrichtung auf beiden Seiten
nur in der jeweils dritten Reihe vom Rand und in der Querrichtung nur in der jeweils
fünften und achten ganz durch; in den anderen Reihen werden sie von quadratischen
oder rechteckigen Feldern, die aus vier, acht oder sechzehn Kassetten zusammengesetzt
sind, unterbrochen. In der Mitte sind es drei große, aus sechzehn Kassetten zusam-
mengesetzte Felder, eins im Mittelpunkt der Decke und je eins an den Schmalseiten,
zwischen die in der sechsten und siebenten Reihe, von den Schmalseiten aus gerechnet,
jeweils ein rechteckiges Feld aus acht Kassetten gelegt ist. An den Langseiten hegt
in der dritten und vierten und in der sechsten und siebenten Reihe je ein quadratisches
Feld in der Größe von vier Kassetten, während die Mitte auf beiden Seiten von je
einem Rechteckfeld eingenommen wird, das acht Kassetten bedeckt. Hat man sich
das Schema der Decke einmal klargemacht73, so zeigt sich, daß sie aus einem quadra-
tischen Mittelteil mit einer Seitenlänge von zehn Kassetten besteht, dessen Ecken
durch die Felder mit den Porträtmedaillons bezeichnet sind. In der Mitte besitzt sie
ein aus sechzehn Kassetten bestehendes Quadrat und an den Seiten dem Quadrat in

69 Ronczewski a. O. 17 Abb. 9.

70 J. H. Cabott, Stucchi fig. esistenti in un antico sepolcro fuori delle mura di Roma
(1795). Ronczewski a. O. Taf. 4.

71 Ronczewski a. O. Taf. 1. Curtius-Nawrath, Das antike Rom (1943) Taf. 44. E.
Nash, Bildlexikon zur Topographie des antiken Rom I (1961) 134 Abb. 144.

72 O. Jahn, SB Leipzig 21, 1869, lff. Taf. 1. F. Weege, Jdl. 28, 1913, 185f. Abb. 28.
Hanfmann a. O. 234 Nr. 105.

73 Die Umzeichnung bei Jahn a. O. Taf. 1 ist verwirrend infolge der unrichtigen Be-
zeichnung der Linie c d beim rechten Deckenabschnitt.
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