Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 116
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In solchen Decken haben wir die konsequente Auflösung der Kassettendecke in
eine rechtwinklige Felder decke vor uns, die ein wesentliches Schema römischer
Gewölbedekoration darstellt.

Das Stuckgewölbe im Grab des L. Aruntius77 und das Bunte Grab an der Via
Latina78 sind nach diesem Schema dekoriert. Bei letzterem wird allerdings noch ein
anderer Faktor, nämlich das Kreuzgewölbe, wirksam.

Eine andere Möglichkeit, die Kassettendecke zu einer reicheren Form aufzulösen,
ist die Medaillondecke, die bei Grabbauten offenbar besonders beliebt war. In
der Grundform werden über die Ecken der Kassetten, das heißt, über die Kreuzungs-
punkte des Koordinatensystems, Rundmedaillons gelegt, wie es uns an einem
späten Beispiel aus Silistra in Bulgarien79 erhalten ist. Am bekanntesten ist die
Decke des Weißen Grabes an der Via Latina80, wo von den Kassetten nur noch
die Linien des Koordinatennetzes übrig geblieben sind und die Medaillons als Träger
von figürlichem Schmuck dienen. Eine wesentliche Bereicherung stellt die Stuck-
decke der Stabianer Thermen in Pompei81 dar, wo das Koordinatennetz diagonal
gestellt ist und die Seiten der einzelnen Quadrate, über deren Ecken die Medaillons
sitzen, in ein Zopfmuster aufgelöst sind, so daß sich eine bewegte Formation aus
gekurvten Linien ergibt.

Die Rundmedaillons können aber auch den Kassetten umbeschrieben werden,
so daß sie einander überschneiden, wobei sich für die Ausgestaltung im einzelnen
mindestens drei verschiedene Arten beobachten lassen:

1. Die Kassettenumrahmung bleibt erhalten, die Medaillons wirken wie umbe-
schriebene Kreise82.

2. Das Koordinatennetz ist fortgelassen, die gegenseitige Durchdringung der
Kreise ist besonders betont83.

3. Das Koordinatennetz ist fortgelassen, die Kreise überschneiden einander nicht,
sondern tangieren sich nur, so daß die Rundmedaillons reiner in Erscheinung treten84.

Bei den zuletzt genannten beiden Systemen ist von der Ableitung aus der Kasset-
tendecke nichts mehr zu spüren, ja man kann sie überhaupt in Zweifel ziehen, da man
diese Systeme auch als allgemeine rhythmische Flächengliederung ansehen kann, die
auch zum Deckenschmuck verwendet werden konnte.

Die bisher besprochenen Dekorationsschemata fanden sinngemäß vor allem bei
flachen Decken oder Tonnengewölben Verwendung. Eine besondere Schwierigkeit

77 G. B. Piranesi, Le antichitä romane II (1756) Taf. 12ff. Ronczewski a. O. Taf. 14.

78 E. Petersen, Monlnst. 6, 1861 Taf. 49-53.

70 Borda a. O. 139f. A. Frova, L'arte di Roma e del mondo rom. (1962) Taf. 13.

80 Petersen a. O. Taf. 43 f. Ronczewski a. O. Taf. 25. Curtius-Nawrath Taf. 194ff.

81 Ronczewski a. O. Taf. 24.

82 z. B. ebd. Abb. 27.

83 z. B. in dem Grabbau von Tor dei Schiavi: Piranesi a. O. II 33. Ronczewski a. O.
Taf. 23.

84 z. B. in dem neu gefundenen Grab von der Via Portuense im Thermenmuseum:
S. Aurigemma, Bd'A. 38, 1953, 158ff. Felletti-Maj, NSc. 1957, 336ff. Andreae, AA. 1957,
203 Abb. 38.
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