Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 118
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züge ergeben, die vielfach durch Bildmedaillons in den Ecken noch betont werden.
Die Vielfalt der Möglichkeiten kennt keine Grenzen93. Gemeinsam ist diesen Deko-
rationsformen nur die axialsymmetrische Verwendung gekurvter Linien und die in
dem Rechteckraum begründete diagonale Betonung.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zur Dekoration der Decke mit Streu-
mustern91, die jeder festen Gliederung entbehren.

Wir haben also in der römischen Antike folgende Hauptsysteme des Decken-
schmucks, vor allem in Gräbern, festgestellt:

1. Kassettendecke;

2. Kassettendecke mit Bildfeldern, die aus mehreren Kassetten zusammengesetzt
sind;

3. Medaillondecke;

4. rechtwinklige Felderdecke;

5. diagonale Felderdecke;

6. Decke mit axialsymmetrischem, diagonal betontem Rankengeschlinge;

7. Decke mit Streumustern.

Will man bei der außerordentlich bruchstückhaften und ungewissen Über-
lieferung dieses Dekorationszweiges eine chronologische Einordnung versuchen, so
könnte man als Arbeitshypothese aufstellen, daß die rechtwinklige Felderdecke für
das 1. Jh. n. Chr. maßgeblich ist, während die diagonale Felderdecke an der Wende
vom 1. zum 2. Jh. n. Chr., die Decke mit axialsymmetrischem, diagonal betontem
Rankengeschlinge im 3. Jh. n. Chr. und die Decke mit Streumustern im 4. Jh. n. Chr.
aufkommen. Die früheren Systeme werden in späterer Zeit aber ungehindert gleich-
falls verwendet, ebenso wie die Kassettendecke und die Medaillondecke keineswegs
auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt sind95.

Die Decke des Nasoniergrabes steht mitten in dieser Entwicklung und läßt uns
eine bestimmte Stufe deutlich fassen, nämlich die der diagonalen Felderdecke. In
diesem Schema ist nur der quadratische Mittelteil dekoriert, während die Seitenla-
mellen das rechtwinklige System beibehalten. Da die diagonale Durchdringung von
der Dekoration der Kreuzgewölbe herkommt, so dürfte im Mittelteil der Decke in
der Tat eine optisch wirksame kuppelartige Überhöhung gemeint sein, die sich in der
Mitte zu einem Lucernar öffnet, durch welches das Flügelroß nach oben fliegt96.

93 Vgl. z. B. die bei R. Engelmann, Antike Bilder aus röm. Handschriften (1909) ab-
gebildeten Deckenmalereien: Taf. 4, 1. 9, 6. 26, 4. 27, 3. 4 oder die Decke bei P. S. e
F. Bartoli a. O. Taf. 14.

94 Das Grab der Winde in Djel-el Hamad bei Tyrus: D. Le Lasseur, Syria 3, 1922, 18ff.
F. Cumont, Recherches sur le symbolisme funeraire des Romains (1942) 108. 153 Taf. 9.
Das berühmteste Beispiel einer Decke mit Streublumen bieten die Umgangsgewölbe von
Sa. Costanza in Rom: H. Stern, Dumbarton Oaks Papers 11, 1958, 157ff.

96 Vgl. dazu Felletti Maj a. O. 35 f.

96 Vgl. den Pegasus im Mittelfeld einer Grabdecke bei Engelmann a. O. Taf. 4, 1 und
den Adler der Apotheose im Ahttelfeld des Bunten Grabes an der Via Latina: Petersen a. O.
Taf. 49. Ronczewski a. O. Taf. 17f. P. Hommel, Studien zu den röm. Figurengiebeln
(1954) 56. Borda a. O. 96f. Vgl. auch Felletti Maj a. O. 14.
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