Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 120
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sition Wänden aus der Villa Hadrians ziemlich nahestehen. Andrerseits hat er mit
Recht auch die Dekoration des 162/63 n. Chr. errichteten Ehrenbogens des Marcus
Aurelius und Lucius Verus in Tripolis106 zum Vergleich mit dem Dekorationsschema
des unteren Teils der Rückwand herangezogen, wo schon die von Bartoli gezeich-
neten Viktorien in den Zwickeln einen Zusammenhang mit dem Triumphbogen-
schmuck nahelegen. Auch die Behandlung des Gewölbeschmucks hat gelehrt, daß
das Dekorationsschema dieses Grabes erst im fortgeschrittenen 2. Jh. n. Chr. ent-
wickelt worden ist. Wir befinden uns also in jener Epoche, die den Formen des
hadrianischen Klassizismus noch grundsätzlich verpflichtet ist, aber doch schon Ten-
denzen zur Verhärtung und Schematisierung einerseits und zu einer neuen Expressivi-
tät andererseits zeigt, das heißt, daß die schon von Bellori107 angenommene Zeitstel-
lung des Grabes in der Epoche der Antoninen, „Pii nempe vel Marci" insofern das
Richtige trifft, als das Grab wohl wirklich noch unmittelbar vor dem Durchbruch des
spätantiken Barocks in der zweiten Hälfte der Regierungszeit Marc Aurels entstanden
sein dürfte.

C. Deutung des Grabschmucks

Nun stellt sich die letzte, schwierigste, kaum zufriedenstellend zu beantwortende
Frage nach Inhalt und Bedeutung des Bildschmucks. Man befindet sich hierbei in einer
Aporie, weil es bei der Lage der Überlieferung nicht gelingen will, alle Bilder ein-
deutig zu erklären. Es ist daher auch so gut wie unmöglich, einen zyklischen Zu-
sammenhang in der Gesamtdekoration zu entdecken, falls ein solcher wirklich vor-
handen war.

Die Erklärung der Bilder des Nasoniergrabs ist deshalb noch besonders er-
schwert, weil sie, typologisch gesehen, für sich stehen. Nur in wenigen Fällen, zum
Beispiel bei der Mittelnische108 (Taf. 51, 1), dem Bild des Proserpinaraubs109 (Taf.
53, 1) oder der Pflege des Pegasus durch die Nymphen110 (Taf. 61, 1) lassen sich
motivische Parallelen finden. Der motivgeschichtliche Weg zur Erklärung der Bilder
ist also versperrt. Nur aus den in Bartolis Zeichnungen überlieferten Bildern heraus
ist eine Erklärung zu finden.

R. Eisler111 ist der einzige Forscher, der seit Belloris Ausgabe des Grabes, in der
schon viele richtige Beobachtungen ausgesprochen waren, versucht hat, die Bilder
des Grabes in ihrer Gesamtheit zu erklären und allegorisch zu deuten. Jede erneute
Behandlung des Grabes hat sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Wir werden nun so vorgehen, daß v/ir die einzelnen Bilder in einer durch die

106 Aurigemma, Tripoli c le sue opere d'arte (1926) Taf. 2. RE. VII A 1 (1939) 443f.
s. v. Triumphbogen (Kahler). Frova a. O. 630f. Abb. 548.

107 P. S. e F. Bartoli a. O. 43.

108 S. o. 43f.

109 S. o. 48.

110 G. Guidi, Africa Ital. 5, 1933, 19 ff.

111 Eisler a. O. 159ff.
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