Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 122
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0129
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
122

daß die Typologie des Nasoniergrabs nicht mit der uns geläufigen Motivgeschichte
übereinstimmt, ein Umstand, der die Erklärung noch erschwert.

Das erste Nischenbild der rechten Wand wollte Eisler119 als die Einführung
des durch die teilweise Zerstörung des Bildes allerdings verlorenen Herkules in den
Olymp ansehen, dem der bekränzte Dionysos und zwei Göttinnen entgegenblicken
(Taf. 6, liier Taf. 48,1). Wir sehen in der Mitte einen nach rechts gewandten Mann. Er
ist nur mit dem Himation bekleidet, sein Haupt ist bekränzt, in der Linken hält er
einen langen Stab, der ihn vielleicht als Wanderer kennzeichnet; die Rechte hat er
beschwörend erhoben. Hinter ihm sind die Oberkörper zweier angespannt nach
rechts blickender Figuren erhalten, die wegen der Frisur und wegen der vollständigen
Bekleidung wohl beide als weiblich anzusprechen sind. Die vordere, die niedriger
erscheint als die beiden anderen Figuren, dürfte sitzend dargestellt sein, indem sie den
linken Ellenbogen in der Weise wie der vermeintliche Admet oder Pluto der linken
Mittelnische (Taf. 10, hier Taf. 51) auf eine Art Lehne stützt. Rechts ist die Darstel-
lung zerstört, aber es scheint so, als ob nur eine sitzende Gestalt liier Platz gefunden
haben könnte. Man könnte sich denken, daß auch hier wieder Pluto dargestellt war.
Der stehende Mann, dessen Kranz ihn vielleicht als Dichter auszeichnet, könnte dann
Orpheus sein, der um die Rückgabe seiner Gemahlin bittet. Vielleicht könnte man die
beiden Frauen als Proserpina und Eurydike deuten. Daß hier Orpheus und Eurydike
nocheinmal, wie schon in der Rückwandnische, erscheinen, braucht nicht wunderzu-
nehmen, da auch der Pegasus dreimal erscheint, ohne daß die Bilder einen kompo-
sitioneilen Bezug zueinander hätten. Solange sich keine bildlichen Parallelen finden
lassen, bleibt dies aber Vermutung.

Das dem Eingang nächste Nischenbild der linken Wand (Taf. 48, 2) ist mit eini-
ger Wahrscheinlichkeit von Eisler120 richtig erklärt worden. Es zeigt Bellerophon mit
dem Pegasus zwischen zwei sitzenden Frauen. In der Hand hält er einen länglichen
Gegenstand, den Bartoli als Flöte wiedergegeben hat. Er dürfte, wie Michaelis121 ge-
zeigt hat, ein mißverstandenes Schwert sein. Die Gruppe von Bellerophon und der
sitzenden Frau rechts ist der Darstellung auf dem Beilerophonsarkophag Pamphili122
so ähnlich, daß man auch im Nischenbild des Nasoniergrabes den Abschied Bellero-
phons von Stheneboia erkennen möchte. Fraglich bleibt jedoch, wer die andere Frau
ist. Eisler123 möchte sie Philonoe oder Asteria, die Schwester Stheneboias und spätere
Gattin Bellerophons12'1, benennen. Seine Erklärung: „Die rohe ,Stierkraft' ver-

119 Eisler a. O. 164.

120 Ebd. 162.

121 Michaelis, Jdl. 25, 1910, 105.

122 Robert, SR. III 1 (1897) Nr. 34. J. Aymard, Mel. 52, 1935, 156f. Andere Bellero-
phonsarkophage: Aqyr-Tas: Paribeni-Romanelli, MonAnt. 23, 1914,188 Abb. 41. Algier,
Mus.: Aymard a. O. 143 Taf. lf. L. Leschi, Algerie antique (1953) 190. Aymard, Essai
sur les chasses rom. (1951) Nr. 170 Anm. 3B Taf. 2. Athen,,Theseion': J. Papadimitriou,
E<p*}(i. 1930, 76 Taf. 1.

123 Eisler a. O. 162.

124 Zu Bellerophon zuletzt: F. Brommer, MarbWPr. 1952/54, 3ff. K. Schauenburg,
Jdl. 71, 1956, 59ff.
loading ...