Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 123
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schmähend, gewinnt er sich die himmlische Weisheit Asteria oder Philonoe zur
Braut", mag das Richtige treffen, insofern als Stheneboia die niedrigen Kräfte der Erde
verkörpert, ist aber in der willkürlichen Ethymologie des Namens eine arge Entglei-
sung dieses phantasiereichen Autors, worauf H. Riemann mich freundlicherweise
aufmerksam macht.

Die beiden noch übrigen Nischenbilder werden gewöhnlich, und so auch von
Eisler125, als Raub des Hylas (Taf. 49, 1) und Hylas unter den Nymphen (Taf. 52, 1)
gedeutet. Engelmann126 hat bei seinem Vergleich des Nischenbildes (Bartoli Taf. 7)
mit dem Hylasraubrelief im Museo Capitolino127 aber nicht beachtet, daß Bartoli die
Wandbilder des Nasoniergrabes seitenverkehrt wiedergibt. Vergleicht man das seiten-
richtige Bild (Taf. 49,1), so entfällt die Ähnlichkeit. Wenn man nicht annehmen will,
daß Bartoli das Bild in wesentlichen Zügen falsch wiedergegeben hat, dann bietet es
für die Deutung auf den Raub des Hylas keinen rechten Anhaltspunkt. Zwar wächst
rechts und links Schilf auf, das einen Quell andeuten könnte. Man sieht jedoch nicht
einen Raub dargestellt, sondern die stürmische Ankunft eines Jünglings mit wehender
Chlamys, den zwei kleiner gebildete, wohl weibliche Gestalten mit einer großen
Schale begleiten und der von einer links stehenden Frau begrüßt wird; sie ergreift
seine Rechte zum Handschlag und legt die Linke auf seinen Oberarm. Ein Mantel
fällt über ihren Rücken herab und verhüllt den Unterkörper; der Oberkörper ist
nackt. Ein Diadem ziert das Haar, ein Reif schmückt den Oberarm. Ihrer Erschei-
nung nach möchte man sie Venus nennen. Vielleicht ist der Jüngling dann Adonis,
der, wie Hygin128 es ausdrückt, volimtate Veneris aus der Unterwelt zurückkehrte, da
er nach der bei Apollodor129 überlieferten Sagenversion zwei Drittel des Jahres bei
Aphrodite und ein Drittel bei Persephone weilte130.

Die letzte Nische der linken Wand (Taf. 52, 1) könnte, wie man gewöhnlich an-
nimmt, Hylas unter den Nymphen wiedergeben. Eine verwandte Darstellung findet
sich unter den Zeichnungen Francesco Bartolis im Eton-Codex II 29131, wo jedoch
die Nymphe einen Schilfbüschel hochhält und der Jüngling auf ihn hindeutet. Auch
hier ist die Bedeutung dieses Gestus nicht klar.

Aber schon nach dieser absichtlich kurz gehaltenen Betrachtung, die den Leser
nicht mit den leider erfolglosen Bemühungen, neue sichere Deutungen zu finden,
langweilen soll, ist deutlich geworden, daß man in allen Bildern eine sepulkral-alle-
gorische Bedeutung erkennen könnte: in der Rückwandnische die Rückführung einer
Verstorbenen als Beweis für das Weiterleben nach dem Tod, in den ohne eine erkenn-
bare Zuordnung zueinander auf die Wände verteilten Nischenbildern das Hintreten

125 Eisler a. O. 164.

126 Engelmann a. O. S. III Abb. 3f.

127 Stuart Jones, Mus. Cap. (1912) 220, Imperatori 93 Taf. 53.

128 Hyg. fab. 251.

129 Apollod. 3, 14, 1.

130 Vgl. auch Theokrit. 15, 102. 136ff. 144. Orph. 56, 10. Claudian. in nupt. Honor.
Aug. 1, 16. Joh. Damasc. anecd. Gr. ed. Boissonade IV 248.

131 Ashby a. O. 21 Taf. 8.
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