Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 127
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3. Sinngehalt

Wenn es auch nicht möglich ist, alle Bilder des Nasoniergrabes befriedigend zu
erklären, so finden wir doch in ihnen durchgehend einen Bezug auf Tod und Jenseits,
der in keiner Weise dem widerspricht, was wir für den Velletrisarkophag festgestellt
haben. Mit einer Fülle von Bildern, die wiederum je nach dem Ort innerhalb der Ge-
samtdekoration in mythologischen Szenen, Szenen des wirklichen Lebens, Personi-
fikationen und Symbolen ausgeprägt sind, vergegenwärtigen die Römer ihre unbe-
stimmte, nur in poetischen Bildern faßbare Jenseitshoffnung. Ebenso konstruiert wie
das dekorative Gerüst, das die Bilder aufnimmt, ist auch das Gedankengebäude, das
diesen Bildern entspricht. Diese Menschen versuchen weniger einer klaren Jenseits-
vorstellung bildlichen Ausdruck zu geben, als vielmehr durch die Masse der mytho-
logischen Exempla, die ein Weiterleben nach dem Tod verbürgen oder auf die Ent-
rückung an einen besseren Ort anspielen, ihre Hoffnung auf ewiges Leben und Selig-
keit zu befriedigen.

Wenn man die römische Grabkunst so ansieht, und die Denkmäler selbst haben
uns zu dieser Ansicht geführt, dann braucht man nicht ein geschlossenes allegorisches
Programm für die Darstellungen zu verlangen, da die Andeutung eines einzigen
mythologischen Beispiels genügt, um den ganzen damit verbundenen Gedankenzu-
sammenhang lebendig werden zu lassen. So kann auch Horaz mit der Andeutung des
einen oder anderen mythologischen Exempels seinepraecepta aussprechen und braucht
nicht immer die ganze Fabel zu erzählen. Es ist deshalb nicht notwendig, mit Eisler153
im Nasoniergrab eine geschlossene, zyklische Bildfolge allegorisch-mystischen Ge-
präges zu erkennen, obwohl man sich vielen der gelehrten Deutungen Eislers kaum
entziehen kann. Begegnen doch in der Antike so merkwürdige Denkmäler wie die
Tabula Cebetis154, die voll war von Bildern, unter denen sich eine abstruse allen philo-
sophischen Systemen entlehnte Hyponoia verbarg.

Und doch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Nasoniergrab und
Velletrisarkophag. Während dort der Bildschmuck sorgfältig ausgewählt und nach
seiner allegorischen Bedeutung streng logisch zusammengestellt ist, wird hier fast
wahllos in den Schatz mythologischer Bilder, die sich eschatologisch ausdeuten ließen,
gegriffen, und sie sind mehr oder weniger ohne klare Beziehung aufeinander über die
Wände des Grabes ausgestreut worden. In der Decke kann man noch am ehesten eine
überlegte Verteilung erkennen, obgleich auch hier neben die Bilder aus der trojani-
schen Sage bacchische Gruppen und neben diese wieder orphisch beeinflußte Jagd-
und Tierfangbilder gesetzt werden, mitten hinein in den Zyklus der Jahreszeiten.

Aber wenn wir die Reihe der reich mit Bildern ausgestatteten Grabdenkmäler
durchmustern, die beiden Gräber an der Via Latina155, von denen die grundlegende

~~163 Eisler a. O. 159 ff.

154 Tabula Cebetis ed. C. Praechter, vgl. RE. XI 1 (1921) 102 ff. s. v. Kebes (v. Arnim).
R. Joly, Le tableau de Cebes et la philosophie religieuse (1963).

165 Petersen, Adl. 32, 1860, 348ff; 33, 1861, 190ff. Monlnst. 6, 1860/61 Taf. 43-53.
E. L. Wadsworth, MemAmAcRome. 4, 1924, 69ff. 75. Curtius-Nawrath a. O. 66ff. Abb.
194-198.
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