Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 132
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0139
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
132

Ton der Unterweltsmärchen zu bleiben, am treffendsten einen Nachen nennen können.
Wenn es schon einmal eine stattliche Anzahl von Rudern haben kann, wie es zum
Beispiel eine eigenartige, in der Deutung umstrittene Grabstele des 4. Jhs. v. Chr.
vom Dipylonfriedhof in Athen5 zeigt, so besitzt es doch nie Mastbaum und Segel0.

Nun haben wir oben7 unter Hinweis auf Vergils Aeneis8, wo davon die Rede ist,
daß Charon das Boot mit Segeln bedient, erklärt, daß die Segel allein nicht gegen
eine Deutung des Schiffers auf Charon sprechen. Und doch ist die Darstellung auf
dem Sarkophag aus Velletri so eigenartig, daß sie auch eine besondere Bedeutung
haben muß. Bei Vergil wird nämlich trotz der Segel deutlich, daß es sich um eine
Fahrt mit dem Nachen über den flachen acherusischen Sumpf handelt, da Charon das
Boot mit der Stange vorantreibt: ipse ratem conto subigit. Auf dem Velletrisarkophag
zeigen aber Steuerruder und Riemen an, daß die Fahrt übers hohe Meer geht.

Auf der anderen Seite sahen wir aber auch, daß auf dem Velletrisarkophag der
Ort der Hinkunft nicht eindeutig unter der Erde und jenseits des Acheron liegend
vorgestellt wird. So wie der Sokrates des pseudoplatonischen Dialogs Axiochus9 sagt:
rj xoctw r\ ocvco lu§oa(j.ovEiv us §si, 'A^io^s. . ., so ist auch auf dem Sarkophag offen
gelassen, wo man sich das Jenseits zu denken hat: denn die Tritonen in den Giebeln
der Vorder- und Rückseite des Sarkophags sprechen für eine Reise der Toten über
das Meer, die Adler in den gesprengten Giebeln sogar für eine Reise durch die Luft.
Wie Cumont10 gezeigt hat, wurden diese beiden Vorstellungen in der Spätzeit nicht
als Widerspruch empfunden. Als schlagendes Beispiel dafür sei eine Stelle aus der
von Marcellus verfaßten Grabinschrift der Gemahlin des Herodes Atticus, der
169 n. Chr. verstorbenen Regilla, hier noch einmal angeführt11:

Zeu;; ulv Iq coxeavov &aXep7)v saxeiXe yuvoäxa
aüpyjfft. Zscpupcno jcoui^su.sv 7]Xutj[y]ai.v.

Wir möchten daher annehmen, daß mit der Darstellung des seetüchtigen Schiffs
auf dem Velletrisarkophag eine Anspielung auf die Meeresfahrt der Toten gemeint
ist, wobei gerade die Ungewißheit, wo das Land der Hinkunft nun wirklich zu suchen
ist, ob unter der Erde, ob im Ozean, ob in der Luft, die in den meisten Zeugnissen
über das Jenseits12 ausgesprochen wird, in der Darstellung des Sarkophags von Vel-
letri besonders betont ist.

5 Alinari 24525. A. Conze, Att. Grabreliefs II (1900) Nr. 1173 Taf. 251.
0 Zur irrigen Deutung des Bildes aus dem Bunten Grab von der Via Portuense auf
Charon vgl. o. 58.

7 S. o. 58.

8 Verg. Aen. 6, 302.

9 Ps.-Plat. Ax. 372 A.

10 F. Cumont, Recherches sur le symbolisme funeraire des Romains (1942) 164.

11 Epigr. Graeca ed. Kaibel (1878) Nr. 1046. RE. V2 (1905) 2474 s. v. Elysion (Waser).
Cumont a. O. 111 Anm. 4.

12 RE. V 2, 2470ff. s. v. Elysion (Waser). J. Kroll, Elysium (1953) passim.
loading ...