Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 133
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2. Die Meerwesensarkophage

Eine Anspielung auf die Meeresfahrt der Toten ist von jeher in der Darstellung
von Meerwesen im sepulkralen Bereich gesehen worden. Allerdings ist die Deutung
dieses sehr häufigen Grabschmucks, der uns auch auf dem Gebälk und als Zwickel-
füllung je zweier einander gegenüberliegender Nischen des Nasoniergrabs13 begeg-
nete, nicht unumstritten. Es gibt darüber vielmehr eine ausgedehnte wissenschaft-
liche Literatur mit heftigen Kontroversen. Auf der einen Seite steht die von der
älteren Archäologie ziemlich einmütig vertretene Ansicht, es handele sich dabei um
eine Darstellung der Reise der Seelen übers Meer zu den Inseln der Seligen14, auf der
anderen steht die schroffe Ablehnung jeder tieferen symbolischen Bedeutung und die
Annahme, es handele sich bei den Meerwesendarstellungen auf Grabmälern um reine
Dekoration oder doch zumindest um nur ganz oberflächliche Sinnbezüge15. Zum
Verfechter dieser Anschauung hat sich vor allem A. Rumpf16 gemacht, der die Haupt-
masse der Grabdenkmäler mit der Darstellung von Meerwesen: die Sarkophage, im
Sarkophagcorpus herausgegeben hat. Rumpf17 hebt aus den gegen die Vorstellung
von der Meeresfahrt der Toten vorgebrachten Begründungen vier heraus: 1., daß
der Verstorbene auf vielen Beispielen nicht mitdargestellt ist, 2., daß der Tote, wenn
er dargestellt ist, meist nur als Büste in einem Clipeus oder einer Muschel erscheint
und 3., „daß von einer Seelenfahrt übers Meer nur griechische Quellen klassischer
Zeit, namentlich Pindar sprechen, daß hingegen unsere Sarkophage ausnahmslos der
römischen Kaiserzeit angehören und ausnahmslos italischen Fundorts sind. In latei-
nischen Autoren dieser Epoche aber fehlt jeder Hinweis auf eine Fahrt der Toten
übers Meer." Schließlich, 4., gilt ihm als Gegenargument „die so überaus zahlreiche
Anwendung derselben Motive, derselben Figuren, derselben Kompositionen in der
nicht sepulkralen römischen Kunst".

In seinem ebenso knappen wie treffenden Aufsatz hat sich O. Walter18, ein ent-
schiedener Vertreter der Gegenseite, mit diesen Argumenten auseinandergesetzt und
sie im einzelnen widerlegt. F. Matz19, dessen Urteil als das eines der besten Kenner
römischer Sarkophage nicht gering bewertet werden darf, bemerkte dazu: „Die Deu-
tung des Meerthiasos im Sinne von ,Apotheose' oder ,Entrückung', da wo er im

13 Taf. 45, 2. 49, 1. 51, 1.

14 J. J. Bachofen, Ges. Werke ed. Meuli VII (1958) 119ff. 505 mit Lit.; vgl. F. Matz,
Gnomon 33,1961, 63. Aus der älteren Literatur sind besonders zu erwähnen: F. Buonarroti,
Osservazioni sopra alcuni medaglioni (1698) 44. 114. F. Land, Memlnst. 2, 1865, 473ff.
C. L. Visconti, BullCom. 1, 1872, 196£ C. Fredrich, GGN. 1895, 106ff. B. Schröder, BJb.
108/109, 1902, 66ff. J. Carcopino, La basilique pythagoricienne de la Porte Majeure (1927)
297f. 319; vgl. RE. VIIA 1 (1939) 285f. s. v. Triton (Herter), der allerdings die Darstellung
der Seelenreise ausschließen möchte.

15 E. Petersen, Adl. 32, 1860, 396 ff.

16 Rumpf, SR. V 1 (1939) 131.

17 Ebd. 131 f.

18 O. Walter, 'Etprjfi. 1953/54 I 81 ff.

19 Matz a. O. 63.
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