Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 140
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ton eine Flüssigkeit eingießt. Diese Gestalt hat nur den Unterkörper mit dem Mantel
bedeckt, den sie über die linke Schulter hochgezogen hat. Im linken Arm hält sie ein
Füllhorn, auf dem Haupt trägt sie eine Mauerkrone. Es muß Fortuna gemeint sein.

Eine in der Gruppierung der drei Figuren aufs engste verwandte Darstellung
findet sich auf dem großen Hafensarkophag im Belvedere des Vatikans. Zu dessen
Erläuterung hat bereits Amelung59 ein großes Wandgemälde in dem Nymphaeum
eines römischen Hauses auf dem Caelius mit der gleichen Gruppe und die Malerei
einer Lünette der von Bartoli gezeichneten ,Stanza sotterranea' im Garten der Fratri
di San Gregorio al monte Celio herangezogen, wo wenigstens die Gruppe der beiden
Nebeneinandersitzenden vorkommt, von denen die rechte wiederum eine Schale in
der ausgestreckten Hand hält, während die andere einen Blütenkranz trägt.

Die Bedeutung dieser teils übereinstimmenden, teils erheblich voneinander ab-
weichenden Darstellungen ist noch nicht geklärt. Eine Erklärung ist allerdings wohl
auch nur dann zu finden, wenn man alle vier Denkmäler gleichermaßen befragt, und
sie ist nur dann wahrscheinlich, wenn sie allen vier Denkmälern gerecht wird. Zu-
nächst sollen diese vier Denkmäler im einzelnen beschrieben werden.

1. Wandgemälde im Nymphaeum eines Privathauses auf dem Caelius.60

Die Wände des Nymphaeumhofes sind in einem Stil bemalt, den Rumpf01 und
Borda02 entgegen der früheren Meinung zu Recht ins 3. Jh. gewiesen haben. Die
Malereien (Taf. 74. 76. 77) zeigen eine Seelandschaft, die von Amoretten bevölkert
ist. Diese tummeln sich teils im Wasser, in dem man hier und da Fische sieht, teils
fahren sie in Barken darüber hin. Links oben auf der Hauptwand sieht man auf einer
Hafenmole mit drei Arkaden einen angelnden Eroten. Unterhalb von diesem hat ein
Schiffchen, in dem sich zwei Eroten befinden, die Landetreppe ausgelegt; merkwürdi-
gerweise führt sie ins Meer. Ein Eros schleppt auf seinem Rücken eine Psyche, die in
ein bis zu den Füßen reichendes rotes Gewand gehüllt ist, auf das Schiff.

Die Mitte der Hauptwand nimmt die uns vornehmlich interessierende Gruppe
dreier großer Gestalten ein. Auf einer kleinen Felseninsel sitzt eine Frau, hinter deren
Haupt sich der Mantel in der velificatio bläht. Sie hat ein hauchdünnes durchsichtiges

59 W. Amelung, DissPontAcc. 10, 1910, 203 ff.

60 Amelung a. O. 203ff; in: Heibig I (19123) 83f. C. Robert, Hermes 46,1911, 249ff.
Frater Lamberto, Pittura rom. scoperta nella Casa dei SS. Giovanni e Paolo al Clivo di
Scauro sul Celio (1911). Robert, Archäol. Hermeneutik (1919) 72ff. Abb. 62. S. Ortolani,
SS. Giovanni e Paolo (1925) 53. E. Strong, Art in anc. Rome II (1929) 129 Abb. 443. P.
Marconi, La pittura dei Romani (1929) 106f. Abb. 145. Wirth a. O. 80 Taf. 13. 15. W. Gas-
dia, La casa pagano-cristiana dei Celio (1937). G. Lugli, Mon. ant. di Roma I (1938) 233 f.
Abb. 51 f. Jacopi, MonAnt. 39,1943,90f. Abb. 63. A. M. Colini, MemPontAcc. 7,1944,173.
Kerenyia. O. 208ff. Die Göttin mit der Schale: Rumpf, HdArch. IV 1 (1953) 192 Abb. 69,
4. Borda a. O. 320ff. 410. E. Nash, Bildlex. z. Topogr. d. ant. Rom I (1961) 357 Abb. 436.

61 Rumpf, SR. V 1, 192.
82 Borda a. O. 320.
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