Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 147
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man vorne rechts sich ringeln sieht. Hier und da sind Felsenriffs im Meere verstreut.
Im Vordergrund rechts klettern zwei Putten auf einen solchen Felsen; im Hinter-
grund sitzt ein Putto auf einem anderen.

In der Mitte findet sich eine größere Insel, auf der zwei Frauen sitzen. Die rechte
ist fast unbekleidet und hat nur das rechte Bein mit ihrem Mantel bedeckt; das linke
Bein läßt sie über den Rand des Felsens herabhängen. In der rechten Hand hält sie
einen Kranz; die linke streckt sie mit einer Schale nach rechts aus und blickt auch in
diese Richtung. Daß es sich wirklich um eine weibliche Gestalt handelt, dafür spricht
dreierlei: einmal ihre langen Haare, zweitens die Art, wie sie mit ihrem Gewand die
Scham verhüllt, drittens die helle Hautfarbe; denn daß auch in diesen Gemälden nach
antiker Art die Hautfarbe der Männer und Frauen unterschieden wurde, zeigen die
Porträts des Ehepaares im Mitteltondo der Decke. Die rechts neben der Frau mit der
Schale Sitzende, die in die gleiche Richtung schaut, ist in ein langes Gewand gehüllt
und weist mit der rechten Hand nach rechts.

Lünette B (Taf. 78, 1. 79, 1): Im Vordergrund ist mit Gras und Blumen be-
wachsenes Land dargestellt, auf dem links und rechts Putten freudig hin- und her-
hüpfen, wozu einer die Flöte bläst. Sie werfen die Hände voll Freude in die Luft oder
heben Blütenbüschel hoch. Einer ist nackt, die anderen tragen kürzere oder längere
Hemden. Rechts stehen zwei beieinander auf einem Felsblock. Der linke weist auf
eine große weibliche Gestalt, die in der Mitte im Wasser schwimmt. Der Unterkörper
schimmert durchs Wasser, der Oberkörper taucht aus den Fluten auf, die Arme grei-
fen in einer Schwimmbewegung aus, die wir heute als Crawlen bezeichnen würden;
es ist die in der Antike übliche Darstellung Schwimmender, es sei nur an die
Schwimmerin der Andokidesamphora im Louvre96 oder an den Orontes der Tyche
des Eutychides97 erinnert. Neben der weiblichen Gestalt schwimmen zwei Putten im
Wasser, die mit den Händen gefangene Aale halten. Über der Schwimmerin fliegen
zwei Putten durch die Luft, die ein Velum über ihr ausspannen. Der eine trägt eine
Peitsche, der andere eine Schnur oder Kette. Auch hier finden sich wieder kleine
Felsenriffe im Meer; von einem solchen ist eben ein Putto herabgesprungen, ein an-
derer bereitet sich zum Sprung vor.

Lünette C (Taf. 78, 3): Diese Lünette ist nur in einer sorgfältigen, von Francesco
Bartoli, dem Sohne Pietros, signierten Bleistiftzeichnung überliefert98, welche die
Aufschrift „Dal Palazzo di Tito" trägt. Sie gehört aber zweifellos zu den beiden
anderen Lünettenzeichnungen, zwischen denen sie im Codex abgeheftet ist. Denn
auch auf diesen, die laut anderweitiger Aufschrift99 sicher zu der Kammer vom Caelius
gehören, findet sich die falsche Ortsangabe „Dal Palazzo di Tito". Diese Bleistift-
zeichnung ist nicht gestochen worden und deshalb wohl den Gelehrten, die sich um
eine Erklärung der Gruppe mit der Schale bemühten, bisher entgangen, obwohl

96 Hoppin, Hb. Rf. I (1919) 39. Beazley, ARV. (1942) 2, 11.

97 T. Dohm, Die Tyche von Antiochia (1960).

98 Ashby a. O. 20 Taf. 8.

99 S. o. 144 Nr. 4.
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