Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 148
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0155
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
148

Ashby100 bereits darauf hinwies, daß sie zu den beiden anderen Lünetten und zu der
Decke gehört. Jacopi101 erwähnt diese Lünette im Zusammenhang mit den Meeres-
fresken der Thermen von Pietra Papa, ohne jedoch ihre Zugehörigkeit zu der Kam-
mer vom Caeüus zu bemerken.

Auch diese Lünette zeigt eine Seelandschaft. Wieder ist im Vordergrund Land
dargestellt. Zwei Barken mit je zwei Putten fahren übers Wasser, ein kleiner Aal-
fänger schwimmt darin. In der Mitte sieht man eine Insel, ähnlich der in der Lünette
A, auf der zwei Mädchen sitzen. Die rechte ist völlig unbekleidet und wird halb von
rechts gesehen; sie dreht sich halb nach vorn. Das rechte Bein läßt sie nach rechts
zum Wasser hinabhängen, den Unken Unterschenkel hat sie angezogen; der linke
Arm hängt herab, vielleicht umfaßt die Hand das angezogene Bein. Den rechten Arm
hebt sie mit einem Blütenkranz hoch empor und bückt zu ihrer Gefährtin hinüber.
Diese ist vom Rücken gesehen. Sie hat ihren Mantel fallen lassen, der nun nur noch
das rechte Bein verhüllt; das linke Bein hängt nach links über den Felsen herab. Das
Mädchen wendet den Kopf nach rechts zu dem Mädchen mit dem Kranz und hält
mit der Rechten eine Schale hoch. Es ist ein entzückendes Bild des seligen Beiein-
anderseins zweier Mädchen, dem Kranz und Schale eine besondere Bedeutung geben.

Es bleiben noch zwei Fragen:

1. Wie waren die Lünetten in der Kammer angeordnet ? Lünette A wird auf der
Zeichnung bei Caylus als „facciata principale" bezeichnet, schmückte also die Rück-
wand. Da man beim Eintreten die Porträts vor sich sehen mußte, lag diese Lünette
unter der an den Ecken schon zu Bartolis Zeiten zerstörten Kante der Decke102. Aus
kompositioneilen Gründen muß man annehmen, daß die Lünette B die linke Wand
einnahm, damit das Mädchen nicht gleichsam aus der Kammer herausschwimmt. Für
die Lünette C bleibt dann die rechte Seitenwand. Mehr läßt sich heute nicht mehr er-
mitteln. Es braucht nicht zu verwundern, daß die Lünette B bei Caylus nicht einen Halb-
kreis, sondern einen flachen Bogen über einem Rechteck bildet. Das ist eine Freiheit,
wie sie diese Zeichner sich ohne weiteres erlauben. Bartoli gibt die Lünette im Stich
als Halbkreis wieder; wie es in Wirklichkeit in der Kammer war, kann man nicht
mehr mit Bestimmtheit sagen.

2. Welche Bedeutung hatte diese Kammer und was bedeutete ihr Schmuck?
Ashby103 zweifelte nicht daran, daß es sich um eine Grabkammer handelt; etwas anderes
kann sie wegen der Form, wegen der Lünetten und wegen der Porträts auch nicht ge-
wesen sein. Deswegen darf man der unklaren Stellungnahme Colinis104 kein zu großes
Gewicht beilegen. Denn während er zunächst105 noch eine Kollokation der Kam-

100 Ashby a. O. 20 Nr. 22.

101 Jacopi a. O. 91 f.

102 Man ist bei dem liegenden Bild zunächst irritiert, ob nicht die an den Ecken zer-
störte Kante die über dem Eingang gewesen ist; wenn man sich das Bild aber in Gedanken
an die Decke projiziert, wird die Anordnung klar.

103 Ashby a. O. 19 f. 34.

104 Colini a. O. 208 ff.
106 Ebd. Anm. 36.
loading ...