Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 150
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IJO

Wenn man den Gesamtschmuck des Grabes ins Auge faßt: die Porträts der Grab-
inhaber, das heißt, ihre Vergegenwärtigung in einem zauberhaften, aus Girlanden
aufgebauten dekorativen Gebilde, in dem in unwirklicher Weise Vögel, Putten mit
Blütenkörben und geflügelte kleine Wesen auf zierlichen von Rehen und Hirschen
gezogenen Wagen sich tummeln; dann die kleinen Putten, die mit ihren Blüten selig
dahinhüpfen, wie es ein berühmtes Grabepigramm des 2. Jhs. n. Chr. der kleinen
Aelia Prote im Jenseits wünscht115:

sv-9-cc xoct' 'HXucticüv tcSicov oxtpfwcnx yeyTj-Dccc;
av&ecuv ev [i,aXaxoi<T(,,

und wie wir es im Grabe der Octavia Paulina116 dargestellt sehen; weiter die Opfer,
die diese Putten vor aufgestellten Götterbildern darbringen117; schließlich das Meer,
das die ganze Decke wie eine Insel umfließt, und auf dem die Putten mit Barken zwi-
schen Inselchen dahinfahren, eine Szenerie, die sich gleichsam fortsetzt in den
Lünetten, nur daß sie hier noch durch weitere Inseln bereichert ist, auf denen wir
schöne Mädchen anmutig beieinander sehen, die Kranz und Schale in Händen halten;
wenn man also den Grabschmuck als Gesamtes ins Auge faßt, dann bietet sich eine
Erklärung an, auf die keine andere Verbildlichung besser passen würde als: die Inseln
der Seligen.

Schon bei Pindar winden die Seligen auf diesen schönen fernen Inseln im Ozean
Kränze118:

ev&a [i,axapa>v
vacrov arxeoivtSec;

aüpoa 7tepmvsoi<Tiv av&efi.a Se )(puerou cpXeyei,
tcc jxev ^spaofrev dc7t' ayXawv SsvSpswv,
uSwp 8'aXXa cpepßei

op[i.oi(Ti. tcöv X^Pa? avaTrXexovTi xoci. axecpavoui;,
ßouXai? ev opSmat, 'PaSauavf>uo?.

Daß diese Vorstellung auch in der Kaiserzeit noch lebendig war, beweist zum Beispiel
ein Epigramm110, wo es von einem seligen Verstorbenen heißt:

CTTe[x[i.a Ss [[ioi rcXs^avTo] Atcovuaou ■9-t.occrwTa!,.

115 Epigr. Graeca ed. Kaibel Nr. 649 = IG. XIV 1937.

118 Bendinelli a. O. 428ff. Wirth a. O. Taf. 38. Borda a. O. 314; vgl. o. Anm. I 346.

117 Vgl. auch die aus dem realen Leben von Kindern in Ostia genommenen Opfer-
szenen auf den aus einem Privathaus in Ostia stammenden Wandgemälden im Vatikan, wo
die Kinder bekränzt und mit Blütenkörben in den Händen vor einem Standbild der Diana
auf einem runden Sockel zwischen zwei Fackeln Opfer darbringen oder sich mit Schalen
zum Trankopfer vorbereiten: Nogara a. O. Taf. 47/9. M. Piganiol, Recherches sur les jeux
romains (1923) 44ff. Calza, Ostia. Guido storico-monumentale (1929) 51 Abb. 17. H. Stern,
Le calendrier de 354 (1953) 104. 205. 291 ff. Borda a. O. 314.

118 Pind. Ol. 2, 127ff.; vgl. W. Capelle, ARW. 26, 1928, 20 Anm. 3.

119 Epigr. Graeca ed. Kaibel Nr. 153.
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