Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 153
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seu grege Pieridum gaudes seil Palladis (arte,

omnis caelicolum te chor(u)s exc(ipiet.
si libeat thyrsum gravidis aptare co(rymbis

et velare comam palmite, Uber (eris.
pascere si crinem et lauro redimire (placebit,

arcum cum pharetra sumere, Ph(oebus eris.
indueris teretis manicas Phrygium( qne galer um ?

non unus Cjbelespectore vivet A.(tjs.
si spumantis epiii libeat quatere ora (lupatis,

Cyllare formosi membra vehes e(qiätis.
sed quicumque deus, quicumque vocaber(is heros,

sit soror et mater, sit puer incolu(mis.
haec dona unguentis et sunt potiora c(orollis,

quae non tempus edax, non rapi(t. . .

Was diese Grabinschrift für das betrachtete Lünettenbild lehrt, ist folgendes:
Der Verstorbene kann sich gleichsam auswählen, in welcher Gestalt er vergöttlicht
sein will, ja ein männliches Wesen wie Nepos kann sogar in den Kreis der Musen auf-
genommen werden oder die Kunst der Pallas ausüben. Eine kleine Athena sehen wir
auch unter den Seligen im Grab der Octavia Paulina125. Je nachdem, welche Attribute
er anlegt, wird er Liber, Phoebus oder Attis sein oder welcher Gott oder Heros auch
immer, und hier wird mit klaren Worten gesagt, daß es nichts ausmacht, daß es schon
einen, den eigentlichen Attis gibt. Es wird dann eben nicht nur ein Attis in Cybeles
Brust leben.

Wir vernehmen, daß der Dichter vom Menschen berichtet, der im Tode zum
Gott wird, und wir sehen in Tausenden von Beispielen dargestellt, daß dem Götter-
leib ein Porträtkopf aufgesetzt wird. Die Vorstellung ist beide Male poetisch und
metaphorisch. Man sollte deshalb diese Darstellungen weder nach der einen noch
nach der anderen Seite hin mißverstehen, indem man sie entweder als Zeugnisse eines
tiefen Mysterienglaubens oder als mehr oder weniger sinnlose Dekoration auffaßt.

Auf unser Grab angewandt heißt dies, daß hier die uralte Vorstellung vom glück-
lichen Jenseits, dessen klare Kenntnis dem Menschen, solange er lebt, verwehrt ist,
in dem poetischen Bilde der Inseln der Seligen, auf denen die Menschen wie Götter
leben, eine leicht faßbare Darstellung erfahren hat.

3. Der große Hafensarkophag im Belvedere des Vatikans128.

Die Sarkophagplatte (Taf. 75. 80, 1) zeigt die höchst merkwürdige Ansicht
einer Hafenstadt, in der sich riesengroße, allem Anschein nach göttliche Gestalten

125 S. o. Anm. 116. I 346.

120 Amelung, DissPontAcc. 10, 1910, 203 ff.; Vat. Kat. II 49 ff. Nr. 20 Taf. 5; in: Heibig
P 82f. Nr. 132. Robert, Hermes 46, 1911, 249fF. Frater Lamberto a. O. RostovtzefF, RM. 26,
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